Im Kino

Traumreich gefunden

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
24.09.2026. Ein indirekter Thriller ohne Bösewichter und drastische Gewaltdarstellung, aber mit eindringlichen, subtilen Spannungsszenen: Um eine archäologische Ausgrabungsstätte im bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzgebiet herum folgt Valeska Grisebachs "Das geträumte Abenteuer" Menschen, die sich treiben lassen - und gleichzeitig getrieben wirken.


"Das geträumte Abenteuer" beginnt mit einem Mann, der über die Autobahn fährt und an einem Ort ankommt. Wir werden erfahren, dass der Mann Saïd heißt - gespielt wird er von dem Laiendarsteller Syuleyman Alilov Letifo. Bei der Stadt handelt es sich um Svilengrad in Bulgarien, direkt an der Grenze zur Türkei und zu Griechenland. Bis zum Ende des Films werden wir den Ort und sein Umland nicht mehr verlassen - als wäre mit Saïds Ankunft das Traumreich gefunden, das im Folgenden endlos durchschritten wird.

Einen Plot im eigentlichen Sinne gibt es nicht, nur kleinere Probleme: Ein Mann verschwindet und wird gesucht, ein paar hundert Liter Diesel (Schmuggelware) suchen einen Besitzer, die allgegenwärtigen Gangster im bulgarischen Hinterland müssen auf Distanz gehalten werden, auch wenn sie ihre eigene Anziehungskraft besitzen. Zwischen vielen kleinen Punkten und mit nie ganz klaren Motivationen laufen die Protagonisten hin und her, landen hin und wieder an neuen Orten, aber öfter kommen sie zum xten Mal an der gleichen Stelle an. Sie lassen sich treiben - und mit ihnen der Film, doch wirken sie auch irgendwie getrieben. Als wären sie auf der Suche nach etwas, das nicht so einfach greifbar ist.

Auf den ersten Blick sieht der neue Film von Regisseurin und Autorin Valeska Grisebach gar nicht nach einem Traum aus. Ohne größere expressive Stilmittel dokumentiert die Kamera stoisch, was sich vor ihr abspielt. Die Pfade des Realismus verlässt der Film nicht, sein Blick schweift über eine gegebene Welt. Und auch wenn es immer wieder spürbare Ellipsen und Auslassungen gibt, fädelt der Schnitt in erster Linie ruhig und elegische kleine Gegebenheiten hintereinander auf. "Das geträumte Abenteuer" lässt sich Zeit und dauert legere 163 Minuten.



Dieser Gleichmut, die realistische Distanziertheit trügt. Sichtlich arbeitet der Film auf etwas hin und versucht uns auf etwas im Nebel der Impressionen aufmerksam zu machen. Geradezu zwanghaft kommt er während Saïds Fahrt nach Svilengrad auf Bilder von LKWs zurück - als könne er den Blick nicht abwenden, als müssten die Bilder uns etwas sagen. Im Zentrum des erzählerischen Mäanderns steht eine Ausgrabungsstätte, die zentrale Figur ist die Archäologin Veska (sensationell: Yana Radeva). Dort wird die Erde durchfurcht und untersucht, gesammelte und sortierte Fundstücke geben Rätsel auf, wie sie sinnvoll zusammengesetzt werden können. Während das Anliegen des Films subtile Andeutung bleibt, verdeutlicht er seine Struktur per Wink mit dem Zaunpfahl.

"Das geträumte Abenteuer" ist mit Andeutungen, vielsagenden Details, Fundstücken, wiederkehrenden Motiven vollgestellt. In den Dialogen stecken Hinweise auf noch offene Rechnungen aus der Zeit des Zusammenbruchs des Kommunismus. Am wichtigsten sind Gruppen sich unterhaltender Menschen. Immer wieder verschiebt sich die Atmosphäre dieser Treffen radikal. So findet sich Veska mehrmals in fast identischen Konstellationen wieder. Einmal ist sie alleine unter Männern, in der Nacht, an einem ihr fremden Ort - der Ausbruch (sexueller) Gewalt gegen sie liegt förmlich in der Luft. Mit den gleichen Männern, aber auch mit Veskas Freundinnen an einem bekannten Ort, ist die Stimmung irritierend gelöst und freundschaftlich.

Nach und nach offenbart sich, dass die Machos von Svilengrad nach dem Fall des eisernen Vorhangs tun und lassen konnten, was sie wollten. Sie räumten Minen leer, verdienten sich eine goldene Nase, "benutzten" Frauen wie Gebrauchsgegenstände. Heute noch trauern sie diesem Traum nach und leben ihn nachkommenden Generationen vor. "Das geträumte Abenteuer" analysiert diese Zusammenhänge nicht, macht sie auch nicht zu einer vom Zuschauer zu lösende Rätselaufgabe, sondern baut ein latentes, endemisches Gefühl der Bedrohung (für Frauen) auf. Langsam verdichtet sich der Film, der sich zunächst nur treiben lässt, zu einem indirekten Thriller, in dem es keine Bösewichte gibt, die es zu besiegen gilt; der seine Kraft jedoch durchaus aus Paranoia- und Suspenseszenen zieht. Die vermeintliche Normalität zerfällt schmerzhaft. Bald kann jeder Spaziergang in einen Albtraum kippen.


Wobei "Das geträumte Abenteuer" nicht auf drastische Gewaltdarstellungen aus ist. Viel eher geht es darum, wie Stimmungen umschlagen, wie sich Sicherheit auflöst, auch um die Ungewissheit darüber, was der Mensch seinesgleichen alles antun kann. Immer wieder muss Veska Gesichter und soziale Situationen entschlüsseln, um abzuschätzen, ob ihr Gefahr droht - oder ob sie sich entspannen kann. Auf diese Weise bietet der Film eindrückliches, aber auch krudes Spannungskino. Krude nicht nur, weil dieser Thriller kaum wie einer wirkt, sondern auch wegen Momenten wie dem, in dem Veska eine Mafiatanzparty betritt. Der Veranstalter hatte Frauen just zu Freiwild erklärt, Veska will eine junge Nachbarin abholen, bevor Schlimmeres geschieht - und Haddaway singt unterdessen laut und mantraartig für all die tanzenden Frau: "Baby, don't hurt me". 

Andererseits stellen die Gesichter der Hauptdarsteller den Zuschauer vor das Problem, zu erkennen, was diese antreibt. Was steckt hinter dem charmanten, vorsichtigen Lächeln Yana Radevas, das so schnell zur Steinmaske werden kann? Und was hinter dem Knautschgesicht Syuleyman Alilov Letifos, das jeden sozialen Kontakt mit hochgezogenen Mundwinkeln und mit Augen beantwortet, die hinter einem Bollwerk aus Falten, Fleisch und Haut, hinter dieser hochsympathisch aussehenden Wand, kaum zu sehen sind? Der Film ist nicht nur ein Thriller, sondern auch ein Drama, das Menschen nicht ausdefiniert, sondern sie als archäologische Fragmente versteht, die nicht so ohne weiteres zu verstehen sind. Und vielleicht steckt hinter allem eine ganz verschüchterte, zarte Liebesgeschichte, die kaum an die Oberfläche dringt. Vielleicht ist "Das geträumte Abenteuer" einfach nur eine Romanze. Unsicherheit ist in diesem Film Bedrohung und zugleich etwas ganz Wunderbares.

Robert Wagner

Das geträumte Abenteuer - Deutschland 2026 - Regie: Valeska Grisebach - Darsteller: Yana Radewa, Syileyman Alilov Letifov, Stoycho Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev - Laufzeit: 167 Minuten.
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