Im Kino
Von allen Seiten unter Druck
Die Filmkolumne. Von Lukas Pazzini
29.09.2026. Die Hölle der deutschen Bürokratie lernen sie ausgiebig kennen, mit der Gesellschaft, in die sie sich integrieren sollen, haben sie kaum Kontakt: Marvin Mennés Dokumentarfilm "Wohin mit mir?" folgt Majd und Shajfaisal, zwei jungen Geflüchteten, durch ihren Alltag.
Migration. Legt man das Wort in der politischen Debatte auf den Tisch, kann man sich sicher sein, dass die Hütte brennt. Zu Wort kommen meist Politiker aller politischen Himmelsrichtungen, Menschen aus der Zivilgesellschaft oder per Straßenumfrage, bei der unter anderem gesagt wird "Das sind ja ganz schön viele" oder "Wir brauchen Arbeitskräfte". Marvin Menné fragt in seinem Film "Wohin mit mir?" die Menschen, die solche Debatten betreffen: Geflüchtete. Von Januar bis Juli 2024 begleitet er die Jugendlichen Majd und Shahfaisal mit der Kamera.
Majd floh aus Syrien, Shahfaisal aus Afghanistan. Beide vor Regimen, die ihnen keine Zukunft ließen. Beide haben noch Familie in ihrem Herkunftsland, die sie finanziell unterstützen. In Deutschland leben sie in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Gemeinsam stehen sie vor der schwierigsten Hürde, die alle Geflüchteten in Deutschland meistern müssen: einen Aufenthaltstitel bekommen. Ohne die Hilfe ihrer Sozialarbeiterin Birgit eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Immer wieder sitzt sie mit einem der beiden und wahlweise einem Dolmetscher am Tisch und berät über ihre jeweiligen Anträge.
Die Kamera ist stets auf die sprechende Person ausgerichtet. Wenn Birgit Majd oder Shahfaisal schlechte Nachrichten zu überbringen hat, fängt sie die Emotionen der beiden ein. Der Zuschauer ist gezwungen, diesen Blick zu erwidern. Den Blick von Jugendlichen, die sich fragen, was sie den Menschen in diesem Land getan haben, um durch die Hölle der deutschen Bürokratie geschickt zu werden. In ihrem Blick liegt Trauer, Unverständnis und eine große Müdigkeit ob dieses endlosen Vorgangs. Als vor allem für Majd die Situation immer schlechter wird, bleibt nur noch Resignation. Ob Shahfaisal sauer sei, fragt ihn seine Sozialarbeiterin. "Ich bin nicht sauer. Ich bin nicht glücklich."

Manchmal sehen wir die beiden auf ihren Zimmern. Majd hört sich Sprachnachrichten seiner kranken Mutter an, die ihn anhält, eine Arbeit zu finden und einen Aufenthaltstitel. "Ich bin von allen Seiten unter Druck", sagt er. Auch Shahfaisal verzweifelt, auf dem Boden seines Zimmers liegend. Sie haben es nach Deutschland geschafft, wissen nicht, ob sie bleiben dürfen. Sie sind fremdbestimmt, von bürokratischen Prozessen abhängig, während ihre Familien sie als letzte Hoffnung ansehen.
Außerdem erleben wir die beiden in ihrer Wohngruppe. Wenn sie kein Deutsch sprechen müssen - Majd beherrscht es rudimentär, Shahfaisal schon sehr gut - reißen sie mit ihren Mitbewohnern andauernd Witze, lächeln viel und fragen, wann sie gemeinsam eine rauchen gehen. Sie spielen zusammen Fußball, in Majds Zimmer hängt ein Bild von Cristiano Ronaldo, über dessen Tore er sich freut wie ein kleiner Junge. Sie doomscrollen durch TikTok: Deutsch-Lernvideos, AfD-Parolen und Memes ziehen an ihnen vorbei, während ihr ausdrucksloser Blick auf das Handy geheftet bleibt. Alles in einem Feed: die Sprache, die sie integrieren soll, und die politische Bewegung gegen Ausländer. Also gegen sie.
Doch sie wollen etwas in Deutschland erreichen. "Ich will den Leuten zeigen, dass ich es verdient habe, in Deutschland zu leben", sagt Majd. Shahfaisal lässt sich sogar ins Jugendparlament wählen. Bei der ersten Sitzung sitzt er allerdings am äußersten Rand, sieht gelangweilt aus, als die Formalia abgearbeitet werden. Als ein Jugendlicher an ihm vorbeigeht, der wie eine junge Version von Philipp Amthor aussieht, lächelt Shahfaisal spitzbübisch und raunt "Ein richtiger Politiker" in die Kamera.
Sind die beiden unter Leuten, wird aus der Hand gefilmt, das Bild wackelt. Es wird spürbar, wie fremd ihnen diese Welt ist, in der sie so schnell wie möglich Fuß fassen wollen. Denn sie sind von ihr entkoppelt: Sie treffen kaum auf die Gesellschaft, in die sie sich integrieren sollen. Der Film zeigt nur ihr Leben und am Ende auch ihre hoffnungslose Lage: Bekommen sie keinen Aufenthaltstitel, werden sie abgeschoben. "Deine Angst ist berechtigt", sagt Birgit zu Majd. Sie versucht alles, um die beiden durch diesen Prozess zu begleiten. Am Ende ist sie, trotz allem Engagement, nur Zuschauerin.
"Wohin mit mir?" ist ein Porträt zweier Jugendlicher, das da am stärksten ist, wo es die beiden Geflüchteten einfach beobachtet. In den Momenten, in denen Majd und Shahfaisal tatsächlich auf die deutsche Gesellschaft treffen - auf dem Fußballplatz, im Jugendparlament - fühlt man die Anwesenheit der Kamera und fragt sich, ob die Menschen um sie herum so reagieren, wie sie ohne Kamera reagieren würden. Im positiven wie im negativen. Der Film zeigt die Isolation der beiden präzise, reproduziert sie aber auch ein Stück weit: Echter Kontakt mit der Gesellschaft, in die sie wollen, findet im Film kaum statt.
Lukas Pazzini
Wohin mit mir? - Deutschland 2025 - Regie: Marvin Menné - Laufzeit: 79 Min.
Kommentieren



