Im Kino
Vom Golden Retriever zum Bluthund
Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
07.10.2026. Basierend auf den "Facebook Files" erzählt Aaron Sorkins "The Social Reckoning" wie die algorithmische Facebook-Welt uns alle an die Grenzen menschlicher Kommunikationsfähigkeit bringt. Mark Zuckerberg erscheint im Film als psychopathische Karikatur seiner selbst.
In "The Social Network" aus dem Jahr 2010 (unsere Kritik) baute sich ein Außenseiter, der bei zwischenmenschlicher Interaktion zuweilen an seine Grenzen stößt, eine eigene soziale Struktur, in der er allein die Regeln bestimmt. In "The Social Reckoning" hat diese Struktur die ursprüngliche Interaktion so weit überformt, dass schlichtweg alle Beteiligten an die Grenzen menschlicher Kommunikationsfähigkeit kommen. "The Social Reckoning" ist nicht direkt eine Fortsetzung, eher ein companion piece zum ersten Facebook-Film von David Fincher; der damalige Drehbuchautor Aaron Sorkin agiert diesmal als Autor und Regisseur in Personalunion. Aufhänger sind die "Facebook Files", eine investigative Artikelserie des Wall Street Journal aus dem Jahre 2021, basierend auf den Leaks der Whistleblowerin Frances Haugen. Ihre Enthüllungen waren umfassend, hoben im Kern aber auf eine Umstellung des Facebook-Algorithmus ab, der sogenannte "meaningful social interactions" wie etwa das Teilen von Inhalten belohnen sollte. Was als Gewinn für die soziale Komponente der Plattform verkauft wurde, war nicht nur eine bewusste taktische Entscheidung, die der sinkenden Verweildauer einer alternden Nutzerschaft entgegen wirken sollte, sondern befeuert seither in erster Linie Hass und Fehlinformationen.
Auftritt Haugen (Mikey Madison). Die Datenanalystin ist brillant aber unauffällig, ein Nerd-Mädchen, dessen Bedenken firmenintern kein Gehör finden und das deswegen zögerlich empfänglich auf die Kontaktversuche eines Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) reagiert. Der ist der neue investigative Tech-Reporter des Wall Street Journal, kommt aus der Politikberichterstattung und ist ein eher analoger Typ, der in seiner Freizeit klassische MGM-Musicals schaut und schon daran scheitert, mit dem Navi das Redaktionsgebäude zu finden. Über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren treffen sich die beiden heimlich auf Wanderwegen in der Bay Area, in Bars und möblierten Apartments, tauschen Informationen aus, während im Hintergrund ein neuartiger Virus namens Covid-19 um sich greift und vom US-Präsidenten angestachelte Aufrührer gen Kapitol marschieren.
"The Social Reckoning" behandelt nur wenige Jahre zurückliegende Ereignisse; eine Geschichte, die auf der Straße lag, beziehungsweise auf dem Marktplatz, der die Sozialen Medien sind. Die Frage ist also weniger, was Sorkin erzählt, als vielmehr, wie er die Geschehnisse anordnet und gewichtet. Bei ihm entwickelt sich Frances Haugen von einer loyalen Mitarbeiterin, die zutiefst von der Mission Facebooks überzeugt ist und der Firma keinesfalls schaden will, zu einer Art Aufrührerin, die schlussendlich bereit ist, für ihre persönliche Mission aus der Anonymität herauszutreten. Dabei haben weder Subtilität noch nachvollziehbare psychologische Entwicklung Priorität. Im Grunde funktioniert "The Social Reckoning" wie eine Chronik, springt auf einer regelmäßig eingeblendeten Zeitleiste vor und zurück. Umfassende Kenntnis des vor Zahlen und Fachbegriffen starrenden Tech-Vokabulars ist erfreulicherweise nicht vonnöten, wenn sich Sorkin ein paar Seitenhiebe auf sein mutmaßlich unzureichend informiertes und dennoch fröhlich auf Meta-Plattformen postendes Publikum auch nicht verkneifen kann. Wenn über Jeffs Stirn die Fragezeichen aufploppen, braucht er für Frances' Spott nicht erst zu sorgen.

Der zweite Fixpunkt auf der Zeitleiste ist Mark Zuckerberg, der in langen, wie Theaterproben aufgebauten Sitzungen darin gecoacht wird, bei seinen Kongressanhörungen nahbarer, menschlicher zu wirken. Jeremy Strong spielt Zuckerberg als eine Art bösen Zwilling Sheldon Coopers, als verkniffenen Psychopathen, als Karikatur seiner selbst, comic relief ohne den relief. Ob das der Realität gerecht wird, weiß ich nicht, es verleiht dieser gut geölten Filmmaschine aber tatsächlich etwas mehr Griffigkeit; es passt schlicht in eine Zeit, in der die auf Meta-Plattformen geteilten Nachrichten inklusive jenen von KI-Agenten, die womöglich in ein paar Jahren die Menschheit auslöschen könnten, nicht selten klingen, als wären sie einer überdrehten James-Bond-Parodie entsprungen. Die Zeit, in der Hollywood Tech-Gründer und CEOs als zwar ambivalente, letztlich aber geniale Rockstars porträtierte, ist endgültig vorbei.
Für die nachhaltig beunruhigenden Momente in "The Social Reckoning" sorgt aber eher das Personal aus der zweiten Reihe. Vor allem Billy Magnussen ist mir im Kopf geblieben, dessen Blick als Facebooks PR-Chef Teddy in Sekundenbruchteilen vom Golden Retriever zum Bluthund wechselt, wenn er gegenüber dem Reporter in einer Besprechung klarstellt: Wir haben mehr Nutzer als das größte Land der Welt Einwohner, "we are post-government." Off the record, natürlich.
Als wolle er seinen Film dazu bringen, zur Abwechslung Gras anzufassen, setzt Aaron Sorkin den kühlen, abwaschbaren Oberflächen des Silicon Valley organische Texturen und wärmere Lichtfarben entgegen, versucht die Wirkmacht von Begegnungen in der realen Welt abzubilden. Frances Haugen beginnt ihrem Arbeitgeber überhaupt nur deswegen zu misstrauen, weil sich eine ihrer Freundinnen innerhalb kürzester Zeit im Internet radikalisiert. Immer wieder hört sie in Restaurants die Gespräche Fremder über den Einfluss der Sozialen Medien auf ihr Leben mit. Sie selbst leidet an einer durch ihre Glutenunverträglichkeit ausgelösten Durchblutungsstörung, weshalb sie ihre Wohnung überheizt und wollene Socken und Stulpen trägt. Wenn sie so daheim an ihrem Schreibtisch kauert, die Beine auf dem Stuhl dicht an den Körper herangezogen, dann glüht der bläuliche Widerschein des Monitors auf ihren von einem dünnen Schweißfilm überzogenen Wangen auf. All diese Reibungsflächen, die kleinen Fehler in unserem biologischen Bauplan oder unseren Persönlichkeitsstrukturen, die menschliche Instinkte wie Empathie und Solidarität überhaupt erst wachrufen, werden auch visuell eine Antithese zum Bildschirmglas, zur Logik der Algorithmen und der Wirtschaftlichkeit.
Katrin Doerksen
The Social Reckoning - USA 2026 - Regie: Aaron Sorkin - Darsteller: Mikey Madison, Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Billy Magnussen u.a. - Laufzeit: 112 Minuten.
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