Im Kino

Doppelgesichtiges Enigma

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
01.10.2026. Eine veröffentlichte Autorin ist Lowen schon, doch zu ihrer eigenen Stimme findet sie erst, als sie die Bestsellerserie einer anderen Schriftstellerin als Ghostwriter übernimmt. Michael Showalters "Verity" ist eine selbstreflexive und selbstbewusste Softsexphantasmagorie im Stil Brian De Palmas.

"Books are magic", versichert das Graffiti auf der Wand einer New Yorker Buchhandlung, in der Lowen (Dakota Johnson) eine Autorenlesung geben soll. Ihre Romane tragen Titel wie "Half Empty" und "Open-Ended" und verheißen einschneidende Lebensveränderungen, die jedoch kaum LeserInnen zu locken vermögen. Während sie eine Passage vorträgt, nimmt eine Frau lauthals einen Anruf auf ihrem Handy entgegen und übertönt die Rezitation im intimen Rahmen. Lowen hält inne und wartet selbstunsicher: Zwar ist sie eine Autorin, die tatsächlich Bücher veröffentlicht, ihre Stimme bleibt dennoch weiterhin unentdeckt. Bis sie in Michael Showalters psychodramatischem Erotikthriller "Verity" als Ghostwriterin den Stil und die Manier einer wesentlich erfolgreicheren Schriftstellerin übernehmen und weiterformen soll, die selbst nicht mehr in der Lage ist, ihre Kassenerfolgsreihe fortzusetzen.

Bei der Sichtung all der Materialien und Kapitelentwürfe, die die Bestsellerautorin Verity hinterlassen hat, entdeckt Lowen in einer halb leeren Zigarettenschachtel einen USB-Stick, auf dem die Schriftstellerin ein autobiografisches Bekennerschreiben versteckt hat. Als lustvollen Abschluss eines Kinosommers, in dem sich die Schauspielerin Anne Hathaway vom glamourösen Satire-Reboot ("Der Teufel trägt Prada 2") zum antiken Heldenepos ("Die Odyssee"), vom Indie-Ausdruckstanzfilm ("Mother Mary") zum klassischen Fantasy-Familienblockbuster ("The End Of Oak Street") so ziemlich alle Genreformen des momentanen Hollywood-Mainstreams zu ihren willigen Untertanen machte, spielt sie Verity als ein doppelgesichtiges Enigma.

Zum einen sitzt Hathaways Verity nach einem Autounfall, der ein Selbstmordversuch gewesen sein könnte, katatonisch in einem Rollstuhl, kaum zu einer Geste oder Miene fähig. Zum anderen wird sie auch in Rückblenden nicht greifbar, der Antrieb hinter ihrer steilen Karriere ist geheimnisvoll: Mal beißt sie beim Sex mit ihrem altershübschen Hubby Jeremy (Josh Hartnett) mit den Vorderzähnen tief in das zersplitternde Holz ihres Bettgestells, dann wieder kaut sie vorfreudig auf einem Kissen herum, mit dem sie ihre neugeborenen Kindern am liebsten ersticken würde.


Seit dem unverhofften Kinoerfolg von "It Ends With Us", einem wundersam überspannten Liebesmelodram mit leidlich nützlichen Ratschlägen gegen toxische Beziehungen, sind die Filmrechte an den Romanen Colleen Hoovers eines der meistbegehrten Hot Tickets in Hollywood. Schon länger ist der Massenappeal Hoovers eng verbunden mit der passionierten Auswertung ihrer Bücher in den Lesekreisen von BookTok. Zig Millionen User zelebrieren den allzu schematische Aufbau ihrer Stoffe, den extravaganten Umgang mit Twists und vermeintlich ambivalenten Figuren auf der Plattform in genießerischen Close Readings. Insbesondere die 2018 publizierte Vorlage für "Verity" wurde dabei zu einer Lese-Challenge: Lässt sich eher der Perspektive von Verity vertrauen oder ist die Sicht Jeremys glaubwürdiger? Die souverän eingeübten Skills im Erkennen unzuverlässiger Erzähler dürften so manchen den Besuch eines literaturwissenschaftlichen Proseminars erspart haben.

"Ich lese keine Bücher, die man am Flughafen kaufen kann", bekennt Lowen, während sie ein Maß Bier in einem Restaurant trinkt, das als die beste bayerische Wirtschaft im US-Bundesstaat Vermont gilt. Die selbstironische Pointe ist gleichwohl keine: Zu sehr habe sie nämlich als Autorin Angst davor, selbst nicht das Talent für einen funktionierenden Pageturner zu besitzen. Mit dem in allen Spielformen des Melodramatischen ("The Big Sick") wie Komödienhaften ("The Baxter") geschulten Michael Showalter hat nun erstmals ein Regisseur einen Colleen-Hoover-Roman verfilmt, der sich der Tatsache bewusst ist, dass am Flughafen gekaufte Bücher seit jeher die besten Stoffe abgeben für ein sinnenfreudiges Kino der schönen Spekulation.

Angelehnt an die cinephil-voyeuristischen Thriller Brian De Palmas (dessen Style-Eigenheiten wie Split-Diopter-Aufnahmen der Film bisweilen etwas zu offensichtlich belehnt) inszeniert Showalter "Verity" nahe an einer Softsexphantasmagorie, die nicht verschämt oder elevated wirkt, sondern selbstbewusst und wissend: Wie sich Lowen in den libidinösen Transgressionen Veritys selbst erkennt und neu entdeckt, spiegeln auch wir Zuschauer*innen uns nur allzu gerne in dem, was wir im Licht einer Kinoleinwand erblicken.

Kamil Moll

Verity - Dunkle Geheimnisse - USA 2026 - OT: Verity - Regie: Michael Showalter - Darsteller: Dakota Johnson, Anne Hathaway, Josh Hartnett, Ismael Cruz Córdova - Laufzeit: 117 Minuten.