Efeu - Die Kulturrundschau
Alter Wein in neuen Schläuchen
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Film

Dem unverantwortlichen Raubbau eines Erdöl-Milliardärs (Tom Cruise) ist es geschuldet, dass sich eine riesige Eisscholle löst und Europa zu zerstören droht - so die Prämisse von "Digger", der neuen Groteske des Arthouse-Blockbuster-Auteurs Alejandro G. Iñárritu, für den Cruise im Fatsuit Mut zur Hässlichkeit beweist. Da Sandra Hüller derzeit eh in jedem Film mitspielt, muss man ihren Auftritt gar nicht erst erwähnen. Hilft aber alles nichts: "Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Film, der sinnlose Verschwendung anprangert, mit einem geschätzten Budget von fast 130 Millionen Dollar, aufwändigem Produktionsdesign und ansehnlichen Stars einen derart selbstgerechten, eitlen Quatsch fabriziert", stöhnt Michael Kienzl auf critic.de. Zu erleben ist ein "Panoptikum der Niedertracht mit denkbar naheliegenden Zielscheiben", dem es allzu offensichtlich um "Parallelen zu Absurditäten aus der aktuellen US-Politik" geht. "Wer in der ersten halben Stunde bereits hofft, der tatsächliche Weltuntergang möge ihn von diesem Schmierentheater erlösen, bekommt vom Regisseur eine lange Nase gezeigt." Von einem "Schuss in den Ofen" spricht auch Jan Küveler in der Welt.
Hier und da gelingen dem Film schon ein paar Spitzen, merkt Arabella Wintermayr in der taz an, doch der Regisseur verbringe "so viel Zeit mit jener wohlfeilen Karikatur, vor der sein Film letztlich warnt, dass die Warnung unter ihr begraben wird". David Steinitz in der SZ durchschaut den ganzen Mumenschanz: Hier geht es nicht um irgendeine Botschaft - Cruise will einfach nur gottverdammt nochmal seinen Oscar als bester Schauspieler: "Die Penetranz, mit der Tom Cruise hier einfach mal nicht Tom Cruise sein will, ist, nun ja, cruiselig. Aber für genau solche Faschingskostüme bekommen die Leute ja wirklich oft einen Oscar." In der FAZ delektiert sich Maria Wiesner derweil an dieser "verzwickten Satire, die härteste politische Wahrheiten ausspricht".
KI oder nicht KI, das ist hier die Frage - die sich Hollywood immer dringlicher stellt, berichtet Marian Wilhelm im Standard. Beide Seiten werfen sich mit Inbrunst ins diskursive Gefecht. Festlegen will sich Wilhelm allerdings nicht. "Viele der Kinoträume kamen inhaltlich schon bisher aus der Konserve: alter Wein in neuen Schläuchen. ... Im besten Fall bringt uns KI dazu, Filme mit frischem Bewusstsein zu konsumieren und sie für das wertzuschätzen, was wir daran spannend und interessant finden, mit einer Skepsis für ihre Qualität als Kunst und Unterhaltung. Dass die menschliche Originalität dabei apriori einen Vorsprung hat, ist dabei jenseits anthropozentrischer Metaphysik nicht selbstverständlich. Abgerechnet wird am Ende. Ob sich KI-Filme breit durchsetzen, entscheidet immer noch das Publikum, mit der Geldtasche, den Augen und dem menschlichen Geschmack."
Besprochen werden Doris Dörries Altersdrama "Frau Winkler verlässt das Haus" mit Angela Winkler (critic.de), Lena Stahls Verfilmung von Juli Zehs Roman "Corpus Delicti" mit Hannah Herzsprung (Standard), sowie Ulrike Frankes und Michael Loekens Dokumentarfilm "Watching People Watching Birds", dessen Titel Programm ist (critic.de).
Kunst
Weitere Artikel: Kerstin Holm schaut sich für die FAZ aktuelle Kunstausstellungen in Russland an, die zwischen Staatstreue und Eskapismus changieren. Die südafrikanische Konzeptkünstlerin Usha Seejarim erzählt im taz-Interview, wie sie dazu kam, in Bremen einen Gedenkort für den 2005 in Polizeigewahrsam gestorbenen Laye-Alama Condé zu gestalten. Besprochen wird die Schau "Maria Magdalena" im Frankfurter Städel (SZ), die Ausstellung "The Unworlding: MEPAINTSME × WESERHALLE" in der Weserhalle Berlin (taz) und die Ausstellung "Anna Oppermann: Das Blaue vom Himmel" im saasfee*pavillon in Frankfurt am Main (taz).
Bühne

In VAN ist Holger Noltze fast erleichtert, in der Oper einmal "kein Gedöns, keine Deutungs-Angeberei, sondern kluges, genaues Handwerk der Intensivierung" zu sehen und zwar in Claus Guths Inszenierung der Mozart-Oper "Mitridate", die im Teatro di San Carlo in Neapel gespielt wurde. Mozarts erste Seriaoper wird hier zum Familiendrama, angesiedelt in den sechziger Jahren: "Nun zeigt Guth diesen Mitridate als Paranoiker, ein Anzugtyp mit Nackenverspannung, aber in Bezug auf seine schnöseligen Söhne hat er schon den richtigen Riecher, er sollte ihnen nicht trauen. Gleich beide haben sich in die junge Braut des Chefs verknallt, Farnace versucht es mit Gewalt, Sifare auf die sanfte Tour und wird zurückgeliebt, was die schöne Aspasia in einen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung stürzt." Hier "kann ein Präzisionsarbeiter der Psychologie wie Guth ansetzen, und eben das tut er. Sein Mitridate ist eben kein Tyrannenklischee, diese Aspasia nicht bloß Leidensheldin, dieser Farnace nicht bloß Verräter (...) Und dann dreht die Regie das realistische Netflix-Spielwerk und öffnet, vor einer riesigen perforierten Wand, einen zweiten Raum, abstrakt, suggestiv ausgeleuchtet, in dem das Personal seinen Doppel-, auch Vielfachgängern begegnet, umschwirrt von tanzenden Schattenmännern."
Besprochen wird das von Jan Philipp Gloger inszenierte Elfriede Jelinek-Medley "Die Ankunft" am Wiener Volkstheater (SZ) und Nils Zapfes Inszenierung seines Stücks "Propadanga" am Staatstheater Hannover/Ballhof 2 (taz).
Musik
Literatur
Besprochen werden unter anderem Tamara Štajners "Luft nach unten" (FR), Doris Koubas Neuübersetzung von Karel Čapeks ursprünglich in den Dreißigern erschienener Dystopie "Der Krieg mit den Molchen" (taz), Milo Manaras Comicadaption von Umberto Ecos "Der Name der Rose" (FR), Tomer Dotan-Dreyfus' "Keinheimisch" (Intellectures), Jana Fuchs' Debütroman "Die gesunde Schwester" (FR) und Malte Spitz' Studie "Schreiben in der Diaspora" über den Autor und Musiker Hermann Grab (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Design
"Im Mobilitätssektor spürt man keinen Mut mehr", zürnt der Designer Paolo Tumminelli im taz-Gespräch mit Matthias Penzel: Während man in Fernost in Sachen Mobilität nach den Sternen greife, reiche es in Europa allenfalls noch zu technologisch aufgehübschten Varianten längst etablierter Standards. "Wir haben eine intensive gesellschaftliche Diskussion zu der Freiheit, sich überhaupt noch privat individuell zu bewegen. Und die gestalterische Antwort ist Aggressivität." Etwa darin, dass heutige Autos dazu neigen, das Geschehen in der Fahrkabine durch Abdunklungen, Verspiegelungen und ungünstige Scheiben-Verhältnisse vom äußeren Geschehen abzukapseln: "Als Fußgänger oder Radfahrer kannst du unmöglich erkennen, ob der Autofahrer dir zunickt oder woandershin schaut. Im Grunde verschwindet man im Auto. Ist nicht mehr Teil des Bildes. ... Du siehst die Menschen nicht, die sehen dich nicht. Ich bin zwei Meter groß, aber wenn ich als Fußgänger eine Straße überquere, habe ich eine Wand aus Bullis und SUVs vor mir. Früher waren auch nicht alle Autos schön, aber sie haben uns weniger Platz weggenommen - und man konnte hindurchsehen."



