Efeu - Die Kulturrundschau

Schriftsteller, Ihre Papiere bitte!

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29.09.2026. Die FAZ wird in der Fortsetzung von Karin Beiers Antiken-Zyklus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg von jahrhundertealtem Männerhass mitgerissen, auch die taz ist begeistert. Critic.de nähert sich in Lea Hartlaubs Dokumentation "sr" auf höfliche Weise Giraffen an. Die SZ schwelgt mit dem neuen Album von Neil Young in der "Unendlichkeit der Liebe". Und auch die deutschen Feuilletons diskutieren jetzt über Thélyson Oréliens mutmaßliches KI-Plagiat. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Fremde Sonne" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Monika Ritterhaus

So begeistert saß FAZ-Kritiker Simon Strauß schon lange nicht mehr im Theater: echte Schauspielkunst kann er im neuen Antiken-Projekt "Fremde Sonne" von Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus bewundern. Es geht um den Mythos der Argonauten und um Medea: "Die Sonne scheint hier nicht, sie strahlt nur grell und grausam. Und der einzigen Frau zwischen all diesen Männern bleibt nichts, als dass sie sie in Willenskraft übertrumpft - Medea, jener Prototyp fehlgeleiteter Emanzipation, wird in Beckmanns Variante zu einer gebrochenen Rächerin ihres Geschlechts. Entsetzliches liegt in der Luft, von den Rängen herab dröhnt es: In den Logen sitzt ein Chor von wütenden Frauen, die ihren jahrhundertealten Männerhass auf Altgriechisch herausbrüllen und damit ihre Heldin zum Inferno treiben, zur furchtbarsten Rache, zum Kindsmord, dessen praktische Vorführung einem bis heute das Blut in den Adern gefrieren lässt."

"Klassisches Theater at it's best", jubelt auch Jens Fischer in der taz: "Beier und Beckmann messen den Kosmos des Menschlichen als Selbstzerstörungsmechanismus erschütternd nachvollziehbar mit einer emotionalen Wucht aus, die atemlos macht. Dieser Abgesang auf die Zukunft besticht durch großartige Bilder, kleine Splatter-, viele komödiantische Effekte, die natürliche Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart sowie ein famoses Ensemble."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel resümiert für die FAZ den Auftakt am Schauspiel Köln, unter anderem mit Lily Sykes Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Stück "Tag und Nacht". Besprochen werden Marie-Ève Signeyroles Inszenierung von Richard Strauss' und Hugo von Hofmannsthals Oper "Der Rosenkavalier" zur Neueröffnung der Oper Köln (VAN, FAZ, FR), Ran Chai Bar-zvis Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Reigen" und Philipp Stölzl von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Münchner Residenztheater (SZ) und Burkhard Kosminskis Stück "Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt" am Schauspiel Stuttgart (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" ist mit KI geschrieben - die Tests lassen für den Autor Thomas B. Reverdy, der in Le Monde schreibt, keinen Zweifel mehr zu. Die KI ist kein Werkzeug, schreibt er weiter. Sie ist mehr als etwa die Rechtschreibkorrektur bei Word. "Im Englischen sagt man, die KI sei 'gezüchtet, nicht konstruiert'". Und am Ende "kann das Monster logisch denken. Es spricht, kann immer wieder neue Sätze bilden, um uns zu antworten, und bisher ungelöste mathematische Probleme lösen. Es ist weder ein Hammer noch ein Knopf, den man drückt." Für Literatur ist das ein entscheidender Punkt, so Reverdy: "Wenn wir ein Buch lesen, begegnen wir seinem Autor. Was uns über die Jahrhunderte hinweg berührt, ist nicht die Bedeutung der Aussagen, nicht ihre Logik oder ihre nachprüfbare Wahrheit, sondern der Dialog, der sich zwischen dem Autor und uns, zwischen seiner Vernunft und unserer, seinem Schreibstil und unserer Sprache, zwischen unseren Vorstellungswelten und unserer Empfindsamkeit entfaltet." Darum fordert Reverdy ein klares Label, wenn ein Buch mit KI verfasst ist: Er wolle durch einen Mensch gerührt und bewegt werden, nicht durch eine Maschine.

Pascal Bruckner nimmt in Le Point den diametral entgegengesetzten Standpunkt ein: "Wir dachten, wir würden einen originellen Roman lesen, doch nun wird uns suggeriert, dass es sich um das Ergebnis einer digitalen Zusammenarbeit handelt. Aber kehren wir die Beweislast um: Was beweist uns, dass die betreffende Software nicht Thélyson Orélien plagiiert hat?" Bruckner lehnt sich gegen die AI-Detektoren auf: "Die vom Menschen geschaffenen Roboter verlangen Rechenschaft: 'Schriftsteller, Ihre Papiere bitte!' Werden wir im Bereich der Preise eine Charta verfassen müssen, um die vorgeschlagenen Bücher einem Lügendetektor zu unterziehen? Jeder Roman, jedes Gedicht, jeder Essay würde - ähnlich wie ein Bio-Produkt - mit einem 'Nutriscore'-Label versehen, garantiert frei von Zusatzstoffen, Sulfiten und zugesetztem Zucker. Frei von jeglicher digitalen Anleihe. Aber ist das überhaupt möglich? Glaubwürdig?" Bruckner bekennt sich zu Orélien: "Thélyson Orélien wird als unfreiwilliger Held dieser Literatursaison in Erinnerung bleiben."

So... ganz... allmählich... kommt... ...das Thema auch in den deutschsprachigen Feuilletons an. Für FAZ-Kritiker Niklas Bender stellt sich die Gretchenfrage, wie Orélien es mit der KI hat, überhaupt nicht: Der Roman sei auch einfach literarisch auf so vielen Ebenen schlicht völlig missraten. "Unverständlich bleibt, warum ein derart schwacher, kitschiger Text in den Himmel gelobt und verteidigt wurde. ... Offenbar ist das Problem weniger, dass KI pseudoliterarische Texte verfassen kann, sondern vielmehr, dass Experten, welche die Sache der Literatur verteidigen sollten, entweder keine Qualitätsstandards haben oder aus politischen Gründen davon absehen, diese anzuwenden. Vielleicht wäre das eine Debatte wert." Wäre das grundsätzlich wirklich so schlimm, wenn der Roman mit KI verfasst wurde, fragt sich Zelda Biller in der NZZ. "Im Journalismus sind Genauigkeit und Sachlichkeit höchste Tugenden. Bei der Literatur, in der Moral noch nie eine Rolle spielte, ist die Sache allerdings komplizierter - und gibt Anlass zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft des Schreibens. Die entscheidende Frage (...) lautet: Sind von KI verfasste Bücher schlechter als vom Menschen geschriebene? Oder ist es nicht vollkommen egal, wie ein Roman zustande gekommen ist, solange er gut ist?"

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Weiteres: In der NZZ berichtet Daniela Tan davon, dass Osamu Dazais düsterer Nachkriegsroman "Nicht länger ein Mensch" aus dem Jahr 1948 derzeit ein junges Lesepublikum in Südkorea begeistert - wohl auch, weil der Roman "eine einzige Absage an die Leistungsgesellschaft" darstellt (weitere Informationen zu dem Hype hier). Anne Lemhöfer berichtet in der FR von der Lesung der Nominierten für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt. In der Welt notiert die Filmemacherin Regina Schilling, welche Bücher sie am meisten geprägt haben, darunter auch "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie.

Besprochen werden unter anderem Judith Raupps "Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. Leben und Überleben im Kongo" und Sophy Roberts' "Schule der Elefanten" (Perlentaucher), Jáchym Topols "Die Hölle gibt es nicht" (NZZ), Géraldine Schwarz' "Wer wir waren, wer wir sind. Eine Geschichte Europas" (FAZ), Ian Kumekawas Studie "Beliebige Fracht" über die Geschichte des Kapitalismus (SZ) sowie Axel Schefflers und Julia Donaldsons Kinderbuch "Die Grüffelo-Oma" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Film

Höflich, aber trotzig: "Von Menschen und Giraffen" von Lea Hartlaub (Arte)

Auf eine von Arte gut versteckte und in fünf Tagen auch schon wieder im Offline-Orkus verschwindende Filmperle macht Ekkehard Knörer auf critic.de aufmerksam: In ihrem Essayfilm "sr" (fürs Fernsehen überaus einfallsreich "Von Menschen und Giraffen" umbetitelt...) befasst sich Lea Hartlaub mit der Giraffe und deren nachbarschaftliches Verhältnis zu den Menschen im Laufe der Zeit. "Es ist eine höfliche, die Distanz wahrende Annäherung an ein Wesen, das, wie sich im Verlauf immer deutlicher zeigt, sehr weit herumgekommen ist, seit es sich das Leben auf diesem Planeten mit dem Menschen teilt." Hartlaub "dokumentiert und assoziiert, was aber in der Figur der Giraffe immer einen klaren Zusammenhalt hat, so sehr sich die Spuren in buchstäblich alle Welt zerstreuen. Der Film sammelt sie ein. Er zwingt sie zu nichts, so dass dieser Streifzug durch die Kulturgeschichte nie ein Beutezug ist." Zum kleinen Kinostart im März hatte auch der Perlentaucher eine Kritik.

Linear lief der Film nach Mitternacht, online wird er nur kurz vorrätig gehalten: Arte "hatte früher schon einmal mehr über für avanciertes, dokumentarisches Kino", seufzt Bert Rebhandl in der FAZ. Zeigt sich einmal mehr, "dass das deutsche Kino mit den kleinsten Verzweigungen seines Förderwesens oft nicht viel anfangen kann. Wenn für sehr wenig Geld (...) etwas Großes entsteht, wird es trotzdem behandelt wie ein Nebeneffekt. Lea Hartlaubs Film steht noch im Zeichen einer einst starken Tradition intellektueller Filmredaktionen in Nordrhein-Westfalen, namentlich beim WDR. Diese Traditionen trocknen derzeit aus." Dabei zeigt sich in diesem Film auch, "dass Marginalität, also ein randständiges Arbeiten, für manche Gattungen ein großer Gewinn ist. Gerade in Zeiten, in denen mehr denn je darüber zu reden ist, was (deutsche) Kultur sein kann und soll."
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Kunst

Stefan Grund verschafft sich für die Welt einen Überblick über die aufstrebende usbekische Kunst - und Kulturszene. Sabine B. Vogel besucht ebenfalls für die Welt die Ateliers von Hans Hartung und seiner Frau Anna-Eva Bergman bei Antibes, die von der Fondation Hartung-Bergmann erhalten werden. In monopol schreibt Laura Ewert zu Renée Levis Fassadenarbeit "September" an der Hayward Gallery in London. Und Philipp Meier stellt in der NZZ Simon Wallons Dokumentarfilm "The Hammer" über den Starauktionator Simon de Pury vor.
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Musik

"Marathon-Songschreiber" Neil Young veröffentlicht mit "Second Song" sein mutmaßlich 50. Album - so ganz genau weiß es SZ-Kritiker Joachim Hentschel auch nicht und auch nicht, welche Zählweise man an Youngs Gesamtschaffen eigentlich anlegen sollte. Dass der Künstler dafür teils liegengebliebenes Material aus frühesten Zeiten aufgreift, macht die Sache auch nicht übersichtlicher. Aber egal, was zählt ist auf'm Platz und dieses "wunderbar zentralberuhigte Spätwerk" überzeugt. "Mit 80 singt Neil Young eine Hymne auf die Unendlichkeit der Liebe, ein Lied, das er als Oberschüler ahnungslos für ein Highschool-Sweetheart schrieb." Und wenn er vom "Langsamer-Werden der Dinge und die darin enthaltene Ewigkeit erzählt, wird er nicht etwa nostalgisch", sondern singt "über den Lebensherbst als veritable, meteorologische Jahreszeit, die sich ab und zu auch wie Sommer oder Winter anfühlen kann." Der ausufernde Titelsong ist "eine bukolische Geduldsübung, und man weiß nie, ob er gerade zu einer Geliebten spricht oder zu uns allen."



Weiteres: Die Punk- und Kunsthistorikerin Marie Arleth Skov erinnert in der taz an das Konzert der dänischen Band The Sods im Kreuzberger SO36 im Jahr 1981, bei dem irgendwann tumultartige Zustände herrschten, weil die Band zur Unlust des versammelten Publikums keine ihrer Gassenhauer spielen wollte. Jonathan Fischer porträtiert in der NZZ die Londoner Jazzband Ezra Collective. Im Interview fürs Daily-Magazin der Musikplattform Bandcamp plaudern die vier überlebenden Bandmitglieder der klassischen Besetzung der Krautrock-Band Faust darüber, was sie dazu bewogen hat, unter dem einstigen Bandnamen vier Soloalben (mit je unterschiedlichen Kollaborationspartnern) herauszubringen.



Besprochen werden Brennan Wedls neues Album (hier "vermischen sich Lieblichkeit und Rotzigkeit auf betörende Weise", freut sich Olaf Velte in der FR), ein Konzert von Pussy Riot in Zürich (NZZ), ein Auftritt von AnnenMayKantereit in Zürich (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das goldene Album von Weezer, das laut Standard-Kritiker Ronald Pohl "jeden hartgesottenen Flanellhemdenträger zu Tränen rührt".

Archiv: Musik
Stichwörter: Young, Neil