Nach ein paar Madonnen allerdings, räumt Müller in der Welt ein, verliert sich die Magie ein wenig: "Wenn man zusieht, wie auf vielfigurigen Bildern … die Akteure auf ihr Stichwort reagieren und jeder Mitspieler vom Hauptdarsteller bis zum Statisten-Engel mit groß gespielter Geste seinen Bühnen-Einsatz beglaubigt, dann denkt man doch eher an Volkstheater als ans Mysterium christlicher Erzählungen."
Eine derart vielschichtige Ausstellung hätte Anna-Lena Wenzel (taz) im Militärhistorische Museum in Dresden gar nicht erwartet, wo unter dem Titel "Kunst auf Kommando?" Werke gezeigt werden, die die Nationale Volksarmee der DDR sammelte. Tatsächlich wurden neben Schlacht- und Abschiedsszenen auch die dunklen Seiten des Soldatenlebens festgehalten, erkennt Wenzel etwa in einer Serie von Grafiken von Manfred Butzmann, "die auf Skizzen basierten, die er 1976 bei seinem Reservedienst angefertigt hatte. Sie dokumentieren die triste wie monotone Kasernenumgebung und wurden trotzdem auf der offiziellen VIII. staatlichen Kunstausstellung der DDR 1977/78 in Dresden gezeigt. Obwohl einige der Skizzen kurzfristig abgehängt wurden, hatte man sie ein Jahr später für die Sammlung erworben."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Next Door" im Hamburger Bahnhof in Berlin, die an längst abgerissene Ateliers etwa von Thomas Demand oder Olafur Eliasson erinnert (Tsp) und "Van Gogh. All Our Paintings" im Kröller-Müller-Museum im niederländischen Otterlo (NZZ).
Unter dem Kampagnen-Namen "Wir sichern die Familie" hat Erdogan landesweite Razzien gegen türkische LGTBQI+-Vereine und Organisationen durchführen lassen (hier unser Resümee in 9punkt). "Der Kunstbetrieb agiert wie unter Schalldämpfer: Bloß nicht auffallen, ist die unausgesprochene Devise", berichtet Ingo Arend in der taz. In der queeren Kunstszene herrscht Furcht, viele Kunstschaffende sind ausgewandert: "Der verbliebene Rest versucht, mit heiterem Trotz auf die aussichtslose Lage zu reagieren: 'Save The Night from Darkness' nannte etwa die Fotografin Üzüm Derim Solak Anfang des vergangenen Jahres am Goldenen Horn ein Bild in der kleinen LGTBQI+-Solidaritäts-Ausstellung 'Anlatı Gücü İttifakı / Narrative Power Alliance'. Darauf zu sehen sind eine trans Frau und ein nichtbinärer Mann, die sich gegenüberstehen und in die Augen schauen; beide haben sanft einen transparenten Schal um die Schultern gelegt, hinter ihnen die ikonische Kulisse der erleuchteten Bosporusbrücke, die zwei Kontinente verbindet. Solaks gleichsam träumerisch getriggerte Gegenerzählung, die Hoffnung auf eine andere Begegnung diversester Geschlechter, ist nach den jüngsten Geschehnissen an ein vorläufiges Ende gekommen. Es herrscht einmal mehr Finsternis am Bosporus."
Weitere Artikel: Oliver Koerner von Gustorf stellt in monopol den Maler Felix Giesen vor, der sich in seinen Bildern mit der "Manosphere" beschäftigt. Besprochen werden die Ausstellung "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie (Tsp), die Ausstellung "Die Kids sind nicht alright! 2" in der Galerie Adlershof im Kulturzentrum Alte Schule in Berlin (taz) und eine Ausstellung der Fotografin Heidi Specker mit dem Titel "DamenzimmerHerrenschnitt" zum Nachlass der Avantgardefotografin Aenne Biermann in der gfzk - Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig (taz).
Was ist nur mit der Wiener Galerienszene los, wundert sich Kate Brown auf monopol - gleich vier Häuser haben in letzter Zeit dicht gemacht. Im Londoner British Museum hingegen lockt der Teppich von Bayeux laut Bernhard Schulz/monopol regelrechte Besuchermassen an. Georg Imdahl unterhält sich in der FAZ mit Paloma Varga Weisz über die Ausstellung "WEISZ", die die Künstlerin in der Synagoge Stommeln in Pulheim dem künsterischen Werk ihres Vaters Feri Vargas widmet. Besprochen wird die Ausstellung "Liliane Tomasko. Les songes de la trame" im Dominikanerkloster Sainte-Marie de La Tourette in Éveux bei Lyon (Welt).
Vor hundert Jahren ist der Maler nach Amerika ausgewandert, zu diesem zugegeben etwas ungewöhnlichen Anlass widmet ihm das Rijksmuseum Amsterdam die Ausstellung "Willem de Kooning at Work". Stefan Trinks ist in der FAZ froh, dass hier die Zeichnungen gezeigt werden, die viel mehr sind als nur Vorarbeiten für seine Gemälde und deren grundlegendes Verständnis erst ermöglichen: "Der Weg zu den Kunstgeschichtsikonen 'Itinerant Chapel' von 1951 mit den im Bildinneren rotierenden Wagenrädern und 'Woman in a Rowboat' mit den lasziv gespreizten Beinen der Frau wird Schritt für Schritt aufgezeigt. Für Letzteres war die frühe Kohlezeichnung 'Woman' von 1942 auf transluzidem Pergament maßgeblich, in der de Kooning eine ihm besonders wichtige Frauenkontur ausschnitt, um sie auf andere Bilder übertragen zu können. Anhand dieser Montagetechniken sowie mit rohen Abklebungen durch Kreppband und Intarsierungen von Foto-Schnipseln - genial ist etwa 'Woman' von 1950, in dem er eine ganze Komposition nur um einen winzigen schwarz-weißen Cut-out-Frauenmund aus der Zigarettenwerbung herum erfindet - wird deutlich, dass von Zeichnung als lediglich dienendem Hilfsmittel bei ihm keine Rede sein kann. Vielmehr ist das Medium unverzichtbares Fundament für die gesamte Arbeit."
Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi will eines seiner gefälschten Bilder vom Auktionshaus Lempertz zurück, Ursula Scheer in der FAZ schüttelt den Kopf: "Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat 2024 in der Sache entschieden, das Eigentum an dem Werk sei durch die Versteigerung auf die Gesellschaft in Malta übergegangen und von dieser an Lempertz. Und: Nicht allein durch Kauf, sondern auch durch Übergabe einer Sache werde man deren Eigentümer. Sollte Beltracchis Ansinnen an diesen juristischen Spitzfindigkeiten scheitern, wäre das nur gerecht. Der verurteilte Betrüger sollte der Letzte sein, der sich das Skandalbild als Trophäe an die Wand hängen oder es zu einem inzwischen bestimmt erklecklichen Marktwert losschlagen kann. Stattdessen könnte er uns verraten, wo noch überall Fakes von ihm in Museen hängen." Für die NZZ berichtet Kevin Weber.
Weiteres: Gabriele Stötzer ist als erste ostdeutsche Künstlerin mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet worden, Marcus Woeller berichtet für die Welt.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Ella Maillart. Fotografische Erzählungen" im Photo Elysée in Lausanne (NZZ).
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "The Way We Never Were: The American Professional Photographers Collection" im Harvard Art Museum in Cambridge (FAZ).
Ausschnitt der von Damien Hirst gestalteten Ausgabe der WeltDie Welt erscheint heute als von Damien Hirst gestaltete Künstlerausgabe, im Interview spricht der britische Künstler über seine Anfänge mit den "Spot Paintings". Stefan Trinks kann in der FAZ eine so erstaunliche wie erfreuliche Nachricht verkünden: Die deutsche Museumslandschaft boomt, mit allein 608.000 Besuchern im letzten Jahr ist die Neue Nationalgalerie in Berlin Spitzenreiter. Wolfgang Beltracchi verlangt die Rückgabe seines einst als vermeintlich echter Campendonk versteigertes Gemälde "Rote Bild mit Pferden", der Fall liegt nun beim Bundesgerichtshof, meldet Marcus Woeller in der Welt. Im Tagesspiegel-Interview sprechen Stefanie Heckmann und Janina Nentwig, Kuratorinnen der am Freitag in der Berlinischen Galerie eröffnenden Lovis-Corinth-Ausstellung, über die Bedeutung des Malers. In der FAZ rümpft Ursula Scheer ein wenig die Nase über den von Gerhard Richter in Qatar geplanten sechseckigen Pavillon (unsere Resümees). Besprochen wird die Ausstellung "Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine" im Berliner Gropiusbau (Tagesspiegel).
Ist das wirklich "The Real Thing", wie die Barbican Gallery in London eine Ausstellung mit Werken des Malers Robert Ryman (1930-2019) betitelt? Im Guardian ist sich Ben Eastham nicht so ganz sicher. Die ausschließlich weißen Leinwände erzeugen bei ihm einen etwas klaustrophobischen Effekt, das ist eher eine "Flucht vor der Realität", meint er, als eine Auseinandersetzung mit ihr. Aber wie Ryman mit der Farbe Weiß in allen Variationen spielt und dem Betrachter neue Wahrnehmungsräume eröffnet, das ist für den Kritiker faszinierend, "denn Ryman konnte innerhalb seines eng begrenzten Rahmens alles erreichen. Durch die Verwendung verschiedener Weißtöne kann man sich darauf konzentrieren, wie seine Handhabung des Materials - mal zart, mal grob, mal präzise - dessen Wirkung verändert. Der prächtige, weiße Wolkenschleier scheint das Werk 'Concert' bis zur Decke zu heben, wären da nicht die vier Schrauben, die seine Fiberglasoberfläche so auffällig an der Wand befestigen. Ein unbetiteltes Werk von 1958 ist in ein galliges Gelbweiß getaucht, das in Kombination mit Rymans karikaturhafter Handschrift eine willkommene Energie erzeugt. Das geheimnisvolle 'Surface Veil II' inszeniert die Begegnung lavendelfarbener Atmosphäre mit einer Kaltfront in monumentaler Dimension."
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Vier Wände voller Kunst - Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (FAZ), "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie in Berlin (Tsp) und "Cezanne et nous" im Grand Palais in Paris (NZZ).
Interessiert spaziert Tilman Baumgärtel für die taz im Berliner Haus am Lützowplatz durch die Ausstellung "On Landscape", die "Naturbilder zwischen Romantik, Anthropozän und Künstlicher Intelligenz" präsentiert. Was passiert, das scheinen die ausgestellten Arbeiten zu fragen, wenn die ganze Welt zum Uncanny Valley wird? Jedenfalls ist die Natur "hier nicht schlichtes Abbild einer vorhandenen Wirklichkeit, sondern oft das statistisch erzeugte Destillat unzähliger Landschaftsbilder. In 'Drill Baby Drill', einem Video des Londoner Kollektivs Troika, dessen Bilder komplett von KI-Generatoren erzeugt wurden, sieht das am Anfang wenigstens noch aus wie ein Desktop-Hintergrund von Windows XP. Aber dann ist da eine Wüstendüne, die sich aus einem vereisten See erhebt. Und irgendwann brennen Eisberge."
Ebenfalls für die tazschaut sich Sophie Jung auf dem Grazer Kunstfestival steirischer herbst um. Ganz so hoch her wie in vergangenen, provokativen Arbeiten gewidmeten Jahren geht es diesmal nicht. "Psychisch unruhig" ist die ausgestellte Kunst gleichwohl: "Wahnhaft wird der ukrainische Künstler Nikolay Karabinovych. Er schlüpft in die Rolle eines Detektivs, zeigt sein fiktives verlassenes Büro, Musikfolterkammer inklusive. Manisch hat Detektiv Karabinovych Artefakte aus der UdSSR und frühen Ex-UdSSR zusammengesammelt: Zeitungsausschnitte, Modefotografien, Kuckucksuhren. Er sieht in dem 1995 ermordeten russischen Fernsehjournalisten Wladislaw Listjew eine Reinkarnation Walter Benjamins und zieht Verbindungen zur Heirat des Turbofolk-Stars Ceca mit dem serbischen Milizenführer Arkan. In seiner irren Assemblage wird alles zum Indiz für die mafiösen Verschränkungen von Wirtschaft, Politik, Pop und Porno im heutigen Russland."
Außerdem: Hilda Dirks ist für die taz im Berliner Wedding in den Gerichtshöfen unterwegs, wo Künstler ihre Ateliers öffnen. Cézanne heißt jetzt im Ausstellungskontext oft wieder Cezanne, berichtet Peter Kropmanns in der NZZ - tatsächlich war das die historische Schreibweise seines Familiennamens. Das lauwarme Urteil der Nachwelt über den Renaissance-Maler Corregio muss korrigiert werden, findet ein begeisterter Stefan Trinks nach dem Besuch einer dem Künstler gewidmeten Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, in der FAZ (mehr dazu hier). Besprochen werden weiterhin die Schau "Metaxy: Between Destruction and Reconstruction" in der Berliner Akademie der Künste (monopol) und die von Annika Kahrs gestaltete Soundinstallation "Chorus" in der Berliner Nikolaikirche (Tagesspiegel).
Aus der Serie "Wall of Light". Foto: Jean Scully/Kunstmuseum Magdeburg Bettina Maria Brosowsky findet in der taz gar nicht genug Lobesworte für die abstrakte Malerei des irischen Künstlers Sean Scully, die das Kunstmuseum Magdeburg in der Ausstellung "Lines of Emotion" zeigt: "Vielschichtig, tiefgründig, humorvoll" und "intellektuell fordernd" sind Scullys Werke, schwärmt die Kritikerin, die unter anderem von den circa vier Meter langen Tryptichen der Bilder-Serie "Dorics" fasziniert ist: "Sie zeigen verschachtelte, horizontal und vertikal ausgerichtete Blöcke aus Farbfeldern, die für ihn die Proportionen und Materialität griechischer Architekturen widerspiegeln." Die "Farben entwickeln sich erst im Licht, im Raum und aus ihrer Entstehung. Ein Schwarz etwa, das über ein Gelb aufgetragen wird, kann nie ein vollkommenes Schwarz werden. Es bleibt immer ein Schwarz mit gelber Vorgeschichte. Eine direkt physisch spürbare Intensität geht von den Arbeiten aus, man geht magisch angezogen vor ihnen auf und ab, lässt die Tonwerte, Texturen und besonders die Komposition auf sich wirken. Diese lässt waage- und senkrechte Begrenzungslinien, ohnehin offengehalten und den Untergrund durchblitzen lassend, nie plump aufeinander einrasten. Immer sorgt der minimale Versatz für leichte Irritationen."
In der Welt freut sich Marcus Woeller, dass die Stadt Hamburg zum 250. Geburtstag des Frühromantikers Philipp Otto Runge ein berühmtes Porträt von dessen Bruder erstanden hat. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Gropius Bau Berlin (SZ), "Sabine Moritz: Rot Gelb Blau Staub" in der Galerie Max Hetzler in den Mercator Höfen in Berlin (Tsp) und die Ausstellung "Krasner and Pollock: Past Continuous" im Metropolitan Museum of Art in New York (Welt).
Jennifer Braun ist für Monopol auf der Prager Art Week unterwegs und beobachtet, dass die Kunstförderungin Tschechien auf wackligen Beinen steht. Sie spricht unter anderem mit Michal Novotny, Leiter der Abteilung für Moderne Kunst in der tschechischen Nationalgalerie. Die ist "für den Pavillon Tschechiens und der Slowakei auf der Venedig-Biennale mitverantwortlich. Unter dem Titel "The Silence of The Mole" widmen sich das Duo Selmeci Kocka Jusko und der Künstler Jakub Jansa dort gerade der Instrumentalisierung von Kultur für staatliche soft power. Dass zwei Staaten gemeinsam ein solches Thema tragen, mag Vertrauen in die Kultur signalisieren. In Anbetracht der politischen Umstände wirkt der künstlerische Fokus jedoch eher ironisch. Die slowakische Kulturministerin MartinaŠimkovičová hatte 2024 sowohl Alexandra Kusá, Direktorin der Nationalgalerie, als auch Matej Drlička vom Nationaltheater, entlassen, während Jen Kratochvil, Direktor der Kunsthalle Bratislava, selbst zurücktrat. In Prag gibt es Sorgen, ob nicht ähnliche Einmischungen in Tschechien folgen könnten. Gesetzliche Hürden in dem Land erschweren zumindest populistische Attacken auf Sammlungen, so Novotny. 'Die Gesetzgebung schränkt deaccessioning, also das 'Entsammeln' von Werken, enorm ein, um staatliche Sammlungen und ihr Erbe vor Willkür zu schützen'."
Weiteres: Alexander Diehl informiert sich für die taz auf dem Symposium "Hanne Darboven's House Revisited" über die Hamburger Künstlerin.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Anatomie der Präsenz. Vivian Caccuri. Lucia Koch. Henrique Oliveira" im Schauwerk Sindelfingen (FAZ).
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