Magazinrundschau

Überfluss an unverbrauchter Zeit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.10.2026. Am 90. Jahrestag der Schlacht in der Cable Street offenbarte sich der endgültige Bruch der Allianz zwischen Linken und Juden, notiert Times of Israel. In Eurozine träumen Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie von einem Dienstjahr für alle jungen europäischen Frauen und Männer. Der Guardian berichtet von Morden an Menschen mit Albinismus in Madagaskar, deren Augen besonders begehrt sind. Seit mehr als hundert Jahren wird der Untergang des Abendlandes beschworen, beruhigt in HVG der ungarische Historiker Balázs Ablonczy.

Times of Israel (Israel), 04.10.2026

Die "Schlacht in der Cable Street" ist ein legendäres Ereignis in der Geschichte des britischen Antifaschismus. Am Wochenende gedachte man in Britannien des 90. Jahrestags. Der britische Faschist Oswald Mosley wollte am 4. Oktober 1936 mit 5.000 seiner Mannen durch dieses jüdische Viertel Londons marschieren, geschützt von einem Aufgebot der Polizei. Und er marschierte dort, weil das Viertel jüdisch war. Doch eine Allianz aus Juden des Viertels, Gewerkschaftern und Anhängern der Labour Party wusste den Marsch in blutigem Geraufe aufzuhalten. Auch die jüdische Gemeinde Londons richtete vorgestern eine Feier aus. Aber was das Gedenken auch zeigte, war, dass die Allianz zwischen Linken und Juden endgültig zerbrochen ist, erzählt Robert Philpot. Der linksradikale Ex-Labourchef Jeremy Corbyn, heute Anführer einer Splitterpartei, hat die jüdische Beteiligung in der Rede vor dem britischen Parlament gar nicht erwähnt. Und er war nicht der einzige: "Im Januar geriet die BBC in die Kritik, nachdem die Juden in einem Nachrichtenbeitrag von BBC London über ein neues Musical zum Thema 'Cable Street' gar nicht genannt worden waren - stattdessen wurde vage von einer 'Gemeinschaft, die während einiger turbulenter und gewalttätiger Tage in Londons jüngster Vergangenheit belagert wurde', sowie von der Rolle 'der Iren und der Hafenarbeiter' gesprochen. Einige Tage später muste sich die BBC entschuldigen, nachdem in einigen ihrer Berichte zum Holocaust-Gedenktag der Mord an Juden nicht erwähnt worden war... Unite, Großbritanniens größte Gewerkschaft, löste im Juni eine ähnliche Kontroverse aus, als sie Berichten zufolge plante, eine Veranstaltung zum Jahrestag der Cable Street am Schabbat abzuhalten, und eine Webseite veröffentlichte, auf der die jüdische Gemeinde nicht erwähnt wurde. Auf der Seite hieß es, die Faschisten seien von einer 'starken, organisierten Arbeiterklasse besiegt worden, die wusste, dass die Politik des Hasses und der Spaltung keine Lösungen bietet. Wir bringen Gewerkschafter, Historiker, Musiker, Künstler und Autoren zusammen, um dies zu einem Fest des Stolzes der Arbeiterklasse zu machen.'"
Archiv: Times of Israel

A2 (Tschechien), 29.09.2026

Anlässlich des 90. Geburtstags des verstorbenen Schriftstellers, Dissidenten und späteren Staatspräsidenten Václav Havel, dem die Zeitschrift Respekt ihr aktuelles Heft unter dem Titel: "Der wieder schrecklich aktuelle Havel" widmet, erklärt Roman Vyšanský Havel für "zum zweiten Mal gestorben" - Grund sind die Querelen um die Václav-Havel-Bibliothek, die soeben ihren Namen verloren hat: "Wäre Václav Havel noch am Leben, hätte ihm die Situation rund um die nach ihm benannte Bibliothek sicherlich Stoff für ein neues Theaterstück geliefert", meint Vyšanský. "Im März 2025 übernahm der Ökonom Tomáš Sedláček die Leitung der Bibliothek, und seine Maßnahmen - darunter der Plan, einige Mitarbeiter durch künstliche Intelligenz zu ersetzen - stießen auf Kritik. Sedláček rechtfertigte sich damit, dass er versuche, das Vermächtnis von Václav Havel aus den Händen der 'Prager Kaffeehausszene' zu befreien ['Kaffeehaus' ist in Tschechien ein despektierlicher Begriff für das woke Intellektuellenmilieu], doch die Krise spitzte sich so weit zu, dass ihm das Recht zur Nutzung von Havels Namen entzogen wurde." Seit Anfang September heißt daher die Institution [in der es viele interessante Veranstaltungen zu menschrechtsrelevanten Themen gab] nun "Erste Präsidentenbiblothek", und Havels letzte Ehefrau, Dagmar Havlová, kündigte an, eine neue Einrichtung zu erschaffen, die Havels Vermächtnis pflegen solle. Enttäuscht berichtet Roman Vyšanský von der Pressekonferenz: "Die Mitglieder des Verwaltungs- und Aufsichtsrats wirkten wie ein Club alternder Männer, die verzweifelt versuchen, mit der Zeit Schritt zu halten, was ihnen sichtlich schwer fällt. Die Redner betonten wiederholt, die jüngere Generation habe die Samtene Revolution nicht miterlebt, weshalb es ihre Aufgabe sei, ihr deren Bedeutung zu vermitteln. Auf die Frage eines Journalisten, warum im Verwaltungsrat keine Frauen vertreten seien, antwortete Dušek [Aufsichtsratleiter und Vizebürgermeister von Prag 5], dass es sich einfach so ergeben habe, er aber eine Veränderung begrüßen würde. Es scheint, als habe sich die Bilbiotheksleitung nicht mehr von dem Rückschlag erholt, den die Ernennung von Tomáš Sedláček zum Direktor bedeutete. Sedláčeks Ideen waren zwar völlig realitätsfern, aber immerhin haben sie offenbart, wie zerbrechlich diese Institution ist. Die Bibliothek hat sich damit begnügt, Václav Havel als geistige Mumie der liberalen Demokratie zu präsentieren, und es sieht nicht so aus, als hätte sie aus der Krise gelernt: Lieber nichts Neues einführen und zu den alten Gewohnheiten zurückkehren. Somit hat Havel zu seinem posthumen Geburtstag ein zweifelhaftes Geschenk erhalten: Die Institution, die seinen Namen trug, hat sein Vermächtnis so eifersüchtig gehütet, bis sie es völlig entleert hat."
Archiv: A2

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.10.2026

Die Lyrikerin und Dramatikerin Anna Terék spricht im Interview mit Anna Hegedüs u.a. über Verluste im Leben als Minderheitenangehörige, sowie über das Exterritoriale. "Das Schwierige ist, dass ich mittlerweile genauso lange in Ungarn gelebt habe wie zu Hause in der Wojwodina [Serbien]. Es ist ein sehr interessantes Gefühl, dass irgendwann alles irgendwie fremd wird. Früher, als ich noch öfter nach Hause fuhr und mich noch nicht so sehr von meiner Heimat lösen konnte, habe ich mir vorgemacht, dass es, wenn ich nur oft genug nach Hause fahre, so wäre, als wäre ich an beiden Orten gleichzeitig. Später wurde mir klar: Nur weil ich nach Hause fahre, bin ich noch lange nicht zu Hause. Es kommt ein Punkt, an dem man sich so 'nirgendwo' fühlt - ich komme zwar von irgendwoher, aber ich bin nicht zu Hause. Wenn ich weiterziehen muss, habe ich damit auch kein Problem mehr. An einem Punkt in meinem Leben hatte ich das Gefühl, schon einmal alles verloren zu haben. Meine Staatsangehörigkeit, den Namen meines Landes, meinen Wohnort mehrmals, meine Sicherheit, meine Freiheit unzählige Male, meine Identität oft genug. Als ich ein halbes Jahr mit einem Stipendium in der Schweiz verbrachte, hatte ich das Gefühl, mich gut integriert zu haben, doch dennoch erschreckte es mich, wie leicht ich dann wechseln konnte. Dass ich all das, was mich in Budapest zu dem macht, was ich bin - dieses Umfeld, diese Rollen, die ich im Laufe meines Lebens einnehme -, so leicht beiseiteschieben konnte. Als Angehöriger einer Minderheit ist es normal, dass man in einem Land lebt und den anderen nicht gleichgestellt ist. Vielleicht kommen deswegen Angehörige der ungarischen Minderheiten im Ausland viel besser mit dem Leben dort zurecht. Damit geht jedoch eine Art oberflächlichere, leicht zu unterbrechende Verbundenheit einher, was sehr wohl beängstigend sein kann."

Eurozine (Österreich), 06.10.2026

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Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie diskutieren im Interview mit Ferenc Laczó über ihr Buch "Zurück zur Wirklichkeit", autoritäre Strömungen in der Linken, Klimaschutz und die Zukunft Europas. Die EU halten die beiden nach wie vor für "eine realistische Utopie". Allerdings, meint Cohn-Bendit, ist "Europa zu einem Akteur in einer viel größeren Welt geworden, einer Welt, die von Trump, Xi Jinping und Putin geprägt wird. Sie verfolgen ihre Interessen weltweit und stehen im globalen Wettbewerb. Dennoch verhalten sich die Europäer immer noch so, als reiche es aus, die Dinge einfach unter sich zu regeln, ohne darauf zu achten, was außerhalb geschieht. Die antiautoritäre Generation hat zu Recht die individuelle Freiheit betont, die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Doch nun stehen wir vor einer anderen Frage: Wie verstehen wir die kollektiven Interessen unserer Gemeinschaft, und was bedeutet es eigentlich, uns zu verteidigen? Deshalb plädieren wir für einen obligatorischen nationalen Dienst - nicht nur für den Wehrdienst, sondern für ein obligatorisches Dienstjahr für alle, Frauen wie Männer. Im Idealfall sollte dies europaweit gelten. Ein Jahr lang würde jeder junge Mensch wählen, ob er in einem Krankenhaus, im Umweltschutz oder im Militärdienst arbeiten möchte, und dabei lernen, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Dies würde zu einem wahrhaft europäischen Projekt werden. Wenn man ein solches Fundament schafft, schafft man auch die Grundlage für eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit - denn Verteidigung bedeutet letztendlich, unsere gemeinsamen Interessen und unsere gemeinsamen Werte zu verteidigen. Das Bewusstsein dafür ist nach wie vor sehr unterentwickelt." Leggewie ergänzt: "Wir beginnen erst jetzt zu verstehen, was Mitterrand und Kohl erreicht haben. Unzählige Ideologen fordern heute 'weniger Europa' oder gar 'Europa verlassen'. Doch das wird nicht geschehen. Die Utopie ist zur Realität geworden. Erstens müssen wir uns also an die prinzipientreuen Föderalisten und jene erinnern, die sich ehrlich mit politischen Dilemmata auseinandergesetzt haben. Zweitens brauchen wir pragmatische Politiker, die am ehesten einen echten Wendepunkt herbeiführen können. Sie könnten konservativ sein, wie Péter Magyar. Drittens müssen wir die faktische Kraft der bereits erarbeiteten Realität berücksichtigen. Mit anderen Worten: Wir müssen die Bedingungen verstehen, unter denen eine optimistische politische Vision wieder entstehen könnte."
Archiv: Eurozine

Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 03.10.2026

Vom Frühlingssprießen der Demokratien in den Neunzigern ist wenig geblieben, heute sind die autoritären Staaten und ein um sich greifender Nihilismus auf dem Vormarsch, lautet Thomas Assheuers Befund: Neuzeit und Moderne samt ihrer Versprechungen auf eine bessere, gestaltbare Zukunft sind in eine tiefe Krise geraten. Oder war die Neuzeit gar historisch schon immer ein Projekt des Nihilismus, wie erzkonservative Denker immer wieder behaupteten? Noch ist nicht alle Hoffnung aufgegeben, meint Assheuer: Nicht zuletzt in der sich anbahnenden globalökologischen Krise liegt auch eine Chance. "Die neuzeitlichen Aufklärer hatten angenommen, die Natur sei der treue Bündnispartner des Fortschritts, gleichsam die wetterfeste Bühne, auf der das Zivilisationstheater zur Aufführung kommt. Zudem glaubten sie, die Zukunft halte bis in alle Ewigkeit einen Überfluss an unverbrauchter Zeit bereit. Doch diesen Überfluss an Zeit gibt es nicht mehr. ... Vor 300 Jahren kämpften die Frühaufklärer für die Zukunft des 'Menschengeschlechts'; heute geht es darum, überhaupt noch eine Zukunft zu haben. Damit wird das Projekt der Moderne unvermeidlich konservativ, es muss von der Natur retten, was von ihr noch zu retten ist. Die politische Freiheit wäre dann nicht mehr frei, denn Freiheit bestünde in der Einsicht in die ökologische Notwendigkeit. Und das alles unter den Bedingungen einer kapitalistischen Ökonomie, die zwanghaft wachsen und immer weiter wachsen muss. Wie nie zuvor ist die Weltgesellschaft auf kooperatives Handeln angewiesen, doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar ist die Menschheit technisch und wirtschaftlich zusammengewachsen, aber kulturell und politisch bleibt sie tief gespalten. ... Andererseits gibt es durchaus das globale Ganze, jeder spürt es, es wird von Jahr zu Jahr heißer. Deshalb ist es längst nicht ausgemacht, ob die menschengemachte Naturkatastrophe nicht doch ein politisches Wunder bewirkt - und die überforderten Staaten dazu zwingt, die 'brennendsten' Probleme gemeinsam zu bearbeiten. Die notwendigen Energien müssten sie aus kollektivem Neinsagen gewinnen, aus der Einsicht: Wie es ist, so kann es nicht bleiben. So wäre denn - Ironie der Geschichte - ein konservativer Verdacht doch noch wahr geworden, nur ganz anders: Der Verdacht, der Moderne ginge es allein um sich selbst, nur um ihre Selbsterhaltung. Doch, genau darum geht es tatsächlich. Es geht um die Selbsterhaltung eines klein gewordenen Planeten, eines kosmischen Winzlings, dessen Bewohner ein gemeinsames ökologisches Schicksal teilen."

HVG (Ungarn), 01.10.2026

Der Historiker und designierte Botschafter Ungarns in Frankreich Balázs Ablonczy spricht mit Peter Hamvay über die ungarische Rechte, den Kulturkampf (in Ungarn) sowie über die Krise des Westens: "Ich möchte mich nicht als 'Fidesz-Waisen' betrachten (…). Die ungarische Rechte hat sich in der letzten Zeit in eine ziemlich verschlossene, frustrierte politische Richtung bewegt, die in vielerlei Hinsicht dem Programm der nationalen Selbstzweckorientierung der ersten Hälfte der 40er Jahre ähnelte, was - wie auch die historischen Erfahrungen zeigen - lebensgefährlich ist. Aber glücklicherweise funktioniert das nicht mehr, das sehe ich auch an meinen eigenen Kindern. (…) Ich vertraue darauf, dass der Kulturkampf lediglich eine Auseinandersetzung zwischen einigen hundert oder tausend Intellektuellen ist. Deren Zahl - so traurig es auch ist - immer weiter abnimmt; zumindest deuten die Statistiken für mich darauf hin, dass nur ein Prozent der Bevölkerung monatlich mindestens ein Buch kauft. Aber selbst die Kulturkonsumenten entscheiden sich nicht anhand dieser Fronten, sondern schauen alle dasselbe Streamingportal. (…) Der westlichen liberalen Demokratie geht es zwar nicht gut, das steht außer Frage, aber ich gehöre nicht zu den Pessimisten. Seit 100 bis 150 Jahren spricht die Intelligenz vom Untergang des Abendlandes, während die Errungenschaften des Westens - die soziale Marktwirtschaft, die Meinungsfreiheit, die Toleranz und die Menschenrechte - diese Kultur dennoch zusammenhalten. Auch in den 1930er Jahren wurde versucht, Alternativen zur liberalen Demokratie zu finden - die Ergebnisse sind bekannt. Sicherlich hat Europas Anteil an der Weltwirtschaft und an der Innovation abgenommen, aber schon im 16. Jahrhundert war Chinas Anteil an der Weltwirtschaft viel größer, bis Europa dann den Kapitalismus erfand."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ablonczy, Balazs, Ungarn

London Review of Books (UK), 08.10.2026

Sheila Fitzpatrick bespricht ein Buch der Literaturwissenschaftlerin Irina Paperno über Olga Freudenberg, eine russische Philologin, die während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit ein Tagebuch führte, in der sie das stalinistische Regime hart kritisierte - während der Blockade von Leningrad, die sie selbst miterlebte, setzte sie Stalin mit Hitler gleich und machte beide im selben Maße für ihre fürchterliche Lebenssituation verantwortlich. Fitzpatrick ist sich nicht sicher, ob sie Freudenberg in dieser Hinsicht komplett folgen möchte, gleichwohl kann sie einiges mit Papernos Ausführungen anfangen, die die Tagebücher der Autorin im Kern als politische Theorie lesen: "In Freudenbergs Theorie stehen Hitler und Stalin für ein 'doppeltes Barbarentum', in dem 'zwei Tyrannen ein neues Regierungssystem schufen, das Aristoteles unbekannt war'. Der Führerkult, der insbesondere in der Nachkriegszeit eine große Rolle spielte und Freudenberg ständig ärgerte, wird in den Vordergrund gerückt und anhand einer bahnbrechenden linguistischen Analyse - seitdem sind viele weitere hinzugekommen - sorgfältig untersucht. Dazu gehört die interessante Feststellung, dass die Menschen nicht nur Stalins Wortschatz übernahmen, sondern auch einige seiner sprachlichen Eigenheiten. Der Sowjetstaat ist für sie ein urzeitliches Ungeheuer - Freudenberg verwendete, wie die deutschen Philosophen, das Bild der babylonischen Göttin Tiamat aus der antiken Mythologie -, das die Menschen zusammenpresst, sodass sie jede Individualität verlieren und in Hannah Arendts Worten in 'organisierter Einsamkeit' leben müssen. Die marxistisch-leninistische Ideologie selbst ist für Freudenberg von keinerlei intellektuellem Interesse; umso genauer beobachtet sie jedoch die Methoden ihrer Vermittlung und rituellen Befolgung. Paperno erkennt bei Freudenberg sogar einen 'biopolitischen' Aspekt, der Michel Foucault und Giorgio Agamben vorwegnimmt: Freudenberg Aufmerksamkeit für die Auswirkungen von Kontrolle auf den individuellen menschlichen Körper."

Tablet (USA), 24.09.2026

Charles Asher Small resümiert eine ausführliche Studie über die Einflusspolitik der Muslimbruderschaft in Kanada, die ziemlich erfolgreich zu sein scheint (mehr dazu hier). Für deutsche Leser interessant sind Passagen darüber, wie der Begriff des "antipalästinensischen Rassismus" durchgesetzt wurde - ein Begriff, der auch in Deutschland, besonders in der "propalästinensischen" Szene, Konjunktur hat. "Rechtswissenschaftler haben grundlegende Mängel im Begriff des 'antipalästinensischen Rassismus' aufgezeigt: Er verankert eine umstrittene politische Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts als durchsetzbaren Menschenrechtsstandard. Er stuft den Zionismus - einen zentralen Ausdruck jüdischer Identität - faktisch als Rassismus ein und institutionalisiert damit Antisemitismus im Namen seiner Bekämpfung. Und er stuft jede Identifizierung von Antisemitismus im pro-palästinensischen Diskurs präventiv selbst als Akt des anti-palästinensischen Rassismus ein, wodurch mit der Muslimbruderschaft verbundene Narrative vor institutioneller Überprüfung geschützt werden. (…) Die institutionelle Übernahme des Begriffs 'antipalästinensischer Rassismus' ist bereits im Gange. Der Toronto District School Board - Kanadas größter Schulbezirk mit rund 235.000 Schülern - hat den Begriff 'antipalästinensischer Rassismus' offiziell in sein Rahmenwerk zur Bekämpfung von Hass aufgenommen und damit einen Präzedenzfall geschaffen, der landesweit Nachahmer finden könnte. Auf Bundesebene hat ein Bericht eines parlamentarischen Ausschusses zum Thema Islamophobie den Begriff des 'antipalästinensischen Rassismus' befürwortet und damit dessen Einbindung in die öffentliche Politik weiter legitimiert."
Archiv: Tablet

Guardian (UK), 29.09.2026

Allein dieses Jahr wurden laut der Organisation "Albinos Madagaskar" dreizehn Menschen mit Albinismus in Madagaskar getötet, berichtet Sarah Johnson. Sie wurden enthauptet aus Aberglauben. "Menschen, die mit dieser Erkrankung leben, sind in mehreren afrikanischen Ländern schweren Bedrohungen ausgesetzt, darunter rituelle Morde, Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Diese Übergriffe beruhen auf schädlichen Aberglauben, wonach ihre Körperteile Reichtum, politischen Erfolg und Glück bringen sollen. In Madagaskar sind die Augen von Menschen mit Albinismus besonders begehrt. Kinder werden gezielt ins Visier genommen, da der Glaube vorherrscht, ihre Unschuld mache jeden aus ihren Körperteilen hergestellten Zaubertrank wirkungsvoller. Außerdem sind sie schutzlos und lassen sich leichter entführen. Niemand spricht offen darüber, was vor sich geht, aber jeder weiß Bescheid. Die Medizinmänner, mit denen der Guardian sprach, bestritten jegliche Kenntnis von Glaubensvorstellungen rund um Menschen mit Albinismus oder davon, wofür diese 'verwendet' werden könnten. Sie und andere sagen, diese Glaubensvorstellungen müssten von 'außen' kommen. Dieses Ausmaß an Brutalität gegenüber Menschen mit Albinismus gilt in Madagaskar als ein relativ neues Phänomen. Soja (Fulgence Soja, Präsident von Albinos Madagaskar, Anm. d. Red.) erinnert sich, dass sie 2017 zum ersten Mal von der Enthauptung einer Person mit Albinismus hörte. Muluka-Anne Mitti-Drummond, die unabhängige UN-Expertin für Albinismus, erhielt ab 2021 Berichte über Morde in Madagaskar. 'Wir hatten zwischen Ende 2020 und 2022 mehr als 28 Fälle von Angriffen registriert; die meisten richteten sich gegen Kinder. Ich war sehr besorgt', sagt sie. Im folgenden Jahr reiste sie vor Ort und verfasste einen Bericht über die Geschehnisse. Mitti-Drummond stellte fest, dass die Profile der Angreifer unterschiedlich waren und unter anderem Verwandte der Opfer, Mitglieder der Gemeinschaft, Menschen, die aus anderen Regionen angereist waren, auch Dahalos (Viehdiebe) waren darunter."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Madagaskar, Albinismus, Mord
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