
Selten hat (auch) in Ungarn eine filmische Adaptation so
kontroverse Debatten ausgelöst, wie
Christopher Nolans "Odyssee"-Verfilmung (unsere Resümees),
berichtet János Széky: "Nach dem, was in meinem engeren und breiteren Bekanntenkreis zu hören war, beruhte die Skepsis (...) darauf, dass 'es nichts mit Homer zu tun hat'. Was ich in diesem Fall so übersetzen würde: 'Es hat nichts mit dem zu tun, was wir von einer Adaption der Odyssee erwarten'." Der Historiker
György Karsai, ein ausgewiesener Homer-Fachmann, antwortete präzise: "'Die neue 'Odyssee' vermittelt die Botschaft, dass die
westliche Zivilisation am Ende ist. (…) 'Wir waren blind für ihre Schönheit', sagt Odysseus in der Nolan-Version. (…) Im Film fürchtet Penelope den Einfall der Seevölker, doch dann wird Odysseus sich dessen bewusst und gesteht gemäß der Hypothese der Geschichtsschreibung des 21. Jahrhunderts: 'Die Seevölker sind wir.' (…) Die 'umherirrenden Piraten', die auch in einer der Geschichten des heimkehrenden Odysseus vorkommen, waren gezwungen, ihren damaligen Wohnort zu verlassen, weil mehrere sich gegenseitig verstärkende Faktoren in einem 'perfekten
Sturm der Katastrophen' zusammenwirkten: Erdbeben, innere Aufstände, Invasionen, der Zusammenbruch zentralistischer politisch-wirtschaftlicher Systeme, Epidemien, Klimawandel, Dürre. (…) Wie man sieht, lässt sich im Jahr 2026 einiges von der obigen Liste abhaken, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene. (…) Nolan hatte eine verdammt schwere Aufgabe, wenn er das Drama des Untergangs einer Zivilisation in knapp drei Stunden unterbringen wollte. Doch die Ablehnung gegenüber seinem Film rührt wohl größtenteils daher, dass wir es hassen, darüber nachzudenken, wie instabil und wie
unfähig zur Selbstverteidigung die westliche Zivilisation ist, auf die wir so stolz sind. Träum schön. Irgendwo in San José oder Wuhan schlägt ein Schmetterling mit den Flügeln."