Magazinrundschau
Stürzt die kreative Klasse?
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.09.2026. In Quillette kritisiert der amerikanische Historiker Jeffrey Herf eine kanadische Ausstellung über die Nakba, die den Anteil der Palästinenser am Geschehen verschweigt. The Ideas Letter porträtiert den Jazzpianisten Randy Weston, der sich als Afrikaner in Amerika begriff. Harper's besucht die panamaische Stadt Bajo Chiquito, die vom Migrantenboom in die USA profitiert hat. Apricitas Economics untersucht den Einfluss von KI auf die Kulturindustrie. Der New Yorker lernt von William Hitchcock, wie die USA unter Franklin D. Roosevelt antifaschistisch wurden.
Quillette (Australien), 23.09.2026
The Ideas Letter (USA), 17.09.2026
Hisham Aidi zeichnet ein faszinierendes Porträt des Jazzpianisten Randy Weston, der sich als Afrikaner in Amerika begriff und viele Jahre seines Lebens in Tanger, Marokko, zubrachte, wo er afrikanische und arabische Musik studierte und seiner eigenen einverleibte. Er bewegte sich in einem intellektuellen Spannungsfeld, das Aidi so beschreibt: "Anfang 1967 hatte Gamal Abdel Nasser Léopold Sédar Senghor nach Ägypten eingeladen, wo der senegalesische Präsident an der Universität Kairo einen Vortrag über die Grundlagen der 'Africanité' hielt. Er argumentierte, dass bestimmte afrikanische Führer einen strategischen Fehler begangen hätten, indem sie die afrikanische Einheit auf den Antikolonialismus gründeten; wahre 'Africanité', so betonte er, beruhe auf der Kultur - auf dem, was er als 'komplementäre Symbiose' von 'Arabité' und 'Négritude' bezeichnete. Dies hätte nicht stärker von Frantz Fanons revolutionärer Vision einer antikolonialen Solidarität zwischen Schwarzen und Arabern oder vom Panafrikanismus von Senghors politischem Rivalen, dem Historiker und Vater des Afrozentrismus Cheikh Anta Diop, abweichen können. Diop, den Weston sehr schätzte, weigerte sich, irgendeine kulturelle Grenze quer durch die Sahara zu ziehen, und sah Ägypten nicht als separate Zivilisation, sondern als die Quelle der afrikanischen Zivilisation selbst. 'Ägypten ist für das übrige Schwarzafrika', schrieb Diop, 'was Griechenland und Rom für den Westen sind.' Nassers Reaktion auf Senghors Projekt war bestenfalls verhalten. Der ägyptische Präsident hatte seine eigene Vision von arabisch-afrikanisch-islamischer Solidarität, die auf Antiimperialismus beruhte und nicht auf kulturellen Essenzen und biologischen Identitäten." Weston ist nach Amerika zurückgekehrt, wurde aber in Marokko geehrt und ist dort bis heute berühmt."Blue Moses" gehört zu seinen berühmten, von afrikanischer Musik beeinflussten Stücken:
Elet es Irodalom (Ungarn), 25.09.2026
Der Schriftsteller und Redakteur Péter Gerőcs, 41, diagnostiziert eine bedrückende Einsamkeit des Autors im literarischen Betrieb. "Dies betrifft die jüngeren Generationen nur in geringerem Maße; sie organisieren sich noch in Gruppen, versammeln sich um Zeitschriften, aber ab dreißig oder fünfunddreißig, wenn der Kollege nach dem Start trotz aller existenziellen und materiellen Herausforderungen immer noch im Geschäft ist, stellt er fest, dass weder Foren noch Interessenverbände, ja nicht einmal eine kleine Gemeinschaft hinter ihm steht. Es gibt nichts, woran er sich festhalten könnte. Die wenigen Unglücklichen, denen der Markterfolg zufiel oder die ihn sich erkämpft haben, werden in der Branche mit Argwohn betrachtet, aus dem Heiligtum verbannt, und das Tor fällt laut hinter ihnen zu. Versucht es doch jetzt mal im Ausland! Wer es überhaupt versucht, fühlt sich bald so fremd, als müsste er die Lebewesen eines anderen Planeten unterhalten. Aber die meisten versuchen es gar nicht erst, oder bleiben erfolglos. Noch zahlreicher sind diejenigen, die um die knappe Bühne im eigenen Land kämpfen. Ich glaube, letztendlich wird in diesem Kampf jeder einsam. (...) Stellen wir uns also die Frage, was man mit einem Beruf, der sich in einer derart aussichtslosen Lage befindet, tun kann und was sich lohnt. Ich stelle fest, dass die jüngere Generation politisch viel aktiver ist als wir und sich stärker darum bemüht, einen direkten Kontakt zu den Entscheidungsträgern aufzubauen. Vielleicht gelingt es ihnen ja, strukturelle Veränderungen herbeizuführen."Tablet (USA), 14.09.2026
Harper's Magazine (USA), 26.10.2026
Belén Fernández reist nach Bajo Chiquito, ein indigenes Dorf mit weniger als fünfhundert Einwohnern im äußersten Osten Panamas. Es gibt weder Kanalisation noch Strom und bis vor einigen Jahren war das Dorf auch weitgehend abgeschnitten vom Rest des Landes, lesen wir. Das änderte sich ganz plötzlich, als zu Beginn der Biden-Regierung im Jahr 2021 Tausende von Migranten aus Lateinamerika über Panama in die USA gelangen wollten. Denn Bajo Chiquito liegt an der Darién-Lücke, so Fernández, der einzigen Landbrücke zwischen Süd- und Mittelamerika. Doch was für die Dorfbewohner quasi über Nacht zu unerwarteten Einnahmequellen führte, war mit der Migrationspolitik von Donald Trump schon wieder vorbei: "Als ich zum ersten Mal Bajo Chiquito besuchte, war die Migrationswelle fast auf ihrem Höhepunkt, und die Stadt war voller Menschen: Einige ruhten sich in Zelten aus, andere lagen ausgestreckt auf dem Boden, wieder andere versorgten Insektenstiche oder Verletzungen. Kurz zuvor waren Geschäfte und provisorische Restaurants aus dem Boden geschossen, und Pappschilder warben bei den Durchreisenden für verschiedene Dienstleistungen: 1 Dollar für einen Telefonanruf, 3 Dollar für einen Haarschnitt, 3 Dollar für das Aufstellen eines Zeltes. Ich erkundigte mich in einem Imbiss nach der Speisekarte und erfuhr, dass es nur eine einzige Option gab: einen Teller mit Hähnchen und Reis für 5 Dollar. In kleinen, unscheinbaren Läden wurden Geldüberweisungen per 'Western Union' angeboten. Nun, drei Jahre später, waren die Imbissbuden, die 'Western Union'-Filialen und andere provisorische Einrichtungen verschwunden. Die Einnahmen aus der Migration hatten es einigen Dorfbewohnern ermöglicht, ihre Häuser zu renovieren, traditionelle Holzhäuser auf Stelzen wurden nun zunehmend von Zementhäusern durchsetzt. Sonnenkollektoren waren allgegenwärtig." Später "korrespondierte ich mit Esmeralda, der Dorfvorsteherin von Bajo Chiquito, über WhatsApp. Obwohl die Presse ihrem Dorf einen schlechten Ruf eingebracht hatte, weil es angeblich von Migranten profitierte, sagte Esmeralda, sei es nie 'nur ums Geld' gegangen. Die Gemeinde habe Migranten Dienstleistungen angeboten, die die Regierung verweigert habe. Die letzten Jahre seien ein langer Prozess der Empathie gewesen, sagte sie, und nun meinte sie, Bajo Chiquito brauche einen Psychologen. Ihr Sohn Edgar hatte beispielsweise unzählige Leichen von Migranten geborgen, deren Traum vom amerikanischen Traum im Dschungel jäh beendet worden war."Apricitas Economics (USA), 27.09.2026

Der Kreativsektor in den USA beschäftigt heute 200.000 Menschen weniger als noch vor vier Jahren - ein Rückgang, der seinesgleichen kaum kennt, zumal er auch nicht an eine allgemeine Rezession gekoppelt ist, beobachtet der Finanz- und Wirtschaftsexperte Joseph Politano in seinem Substack. In denselben Zeitraum fällt auch der Aufstieg von Künstlicher Intelligenz. Ein Zufall? Stürzt die kreative Klasse? Das komplexe Feld zu entwirren, ist durchaus herausfordernd, schreibt Politano, und "doch besteht der vielleicht eindeutigste Beleg für den Einfluss von KI darin, dass alle Untersparten der digitalen Unterhaltungsindustrie Jobs verlieren, während Live-Veranstaltungen weiterhin im gesunden Tempo wachsen." Auch in "Segmenten wie Live-Broadcasting, Streaming oder Grafikdesign zeigen jüngere Erfahrungen einen ungewöhnlichen Rückgang im Vergleich zu den entspannten Jahren zuvor. Und dann ist da noch der Sektor, den es am schlimmsten getroffen hat, die Film- und Musikindustrie, die im Lauf von drei Jahren auf bislang kaum gesehene Weise Jobs verloren hat. ... Möglich, dass kreative Jobs über die auf Konsumentenseite tief sitzenden Aversionen gegen explizit mit KI generiertem Inhalt überleben können. Aber KI wird in allen Medienbereichen zunehmend auf eine Weise genutzt, die für den durchschnittlichen Endverbraucher nicht mehr nachvollziehbar ist. Etwa 32 Prozent aller Angestellten im gesamten Kunst-, Unterhaltungs- und Freizeitbereich nutzen generative Künstliche Intelligenz bis zu einem gewissen Grad, was immer noch unter den durchschnittlichen 62 Prozent aller Branchen liegt. Aber es ist trotzdem genug, dass virtuell jedes größere Medienprojekt in seinen Arbeitsabläufen an der einen oder anderen Stelle mit KI arbeitet."
Übrigens auch sehr aufschlussreich: Diese grafische Darstellung von Reuters (von Dezember 2025) zeigt im historischen Vergleich und inflationsbereinigt, wieviel Geld in die Entwicklung der Atombombe, in die Mondlandung und in den Ausbau von Künstlicher Intelligenz gesteckt wurde und wird. Einfach nach unten scrollen und scrollen und scrollen ...
HVG (Ungarn), 24.09.2026
Die neue Regierung hat das Budapester Museum "Haus des Terrors", ein von der Fidesz errichtetes Museum zur Erinnerung an die kommunistische Herrschaft in Ungarn, vorübergehend geschlossen und die führende Historikerin der Fidesz, Mária Schmidt, von all ihren Posten enbunden. Árpád W. Tóta denkt aus diesem Anlass über die "Rolle der Kommunisten" in der Erzählung der Fidesz-Partei nach: "In der Geschichtsschreibung der Fidesz ging es nie um die Vergangenheit, sondern um die Gegenwart und die nächsten Wahlen. Der Gegner war entweder die Sozialistische Partei Ungarns oder deren Verwandte, Abkömmlinge und Geschäftspartner (…). Doch nun steht der Fidesz kein einziger Kommunist mehr gegenüber. Wer noch aus der 'Stasi' übriggeblieben ist, steht auf ihrer Seite, wenn auch mittlerweile ohne Entlohnung. Die neue Kraft, die sie vernichtend geschlagen hat, verfolgte nur ein einziges Prinzip, und das war nicht der Marxismus, sondern dass sie nicht mit der alten Opposition verhandelte, schon gar nicht mit den Sozialisten. (…) So hat das 'Haus des Terrors' eigentlich auch in der Strategie von Fidesz seine Daseinsberechtigung verloren - theoretisch. Nur dass sie nichts anderes können. Das ist ihre einzige Metaphysik: Sie liefern sich einen Kampf mit den Kommunisten. Sie existieren nur, damit nicht die Kommunisten an die Macht kommen. Das haben sie schon früher in populistische Parolen umgewandelt, zum Beispiel mit der Behauptung: 'Der Liberale ist ein Kommunist mit Hochschulabschluss.' Und jetzt heißt es, wir lebten in einer digitalen neokommunistischen Räterepublik. Es gibt keine Kommunisten mehr, und das entzieht der Fidesz ihre Daseinsberechtigung und wird sie verkümmern lassen, so wie die Partisanenvereinigung Jahrzehnte nach dem Weltkrieg verkümmert ist."New Yorker (USA), 05.10.2026
Die Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt legte den Grundstein für das Selbstbild der USA als antifaschistisch. Dennoch hat das Land die von den Faschisten ausgehende Gefahr fast zu spät erkannt, lernt die Historikerin Beverly Gage aus William Hitchcocks Buch "A Shadow Over The World": "Roosevelt verfügte zwar über eine demokratische Mehrheit, doch diese war zerstritten und wurde von Südstaaten-Demokraten dominiert, die sich für die Aufrechterhaltung der Jim-Crow-Gesetze einsetzten. Und wie Hitchcock schreibt, floss der Antisemitismus 'durch die Adern des amerikanischen öffentlichen Lebens', einschließlich des hochrangigen außenpolitischen Establishments. Im Weißen Haus drängte Roosevelts engster Kreis ihn dazu, sich weiterhin auf die Weltwirtschaftskrise und den New Deal zu konzentrieren - die bestimmenden Themen seiner Präsidentschaft. Innerhalb des diplomatischen Korps wiesen Berater darauf hin, dass die eigentliche globale Bedrohung von der Sowjetunion und der 'militanten Linken' ausgehe, nicht von den Ereignissen in Italien oder Deutschland. (…) 'A Shadow Over the World' beschreibt Roosevelts 'Entwicklung von einem kriegsfeindlichen Pazifisten, Nationalisten und Verfechter des amerikanischen Exzeptionalismus zu einem Mann, der sich einer erstaunlich ehrgeizigen globalen Aufgabe verschrieb: der Sicherung der Demokratie in einer Welt, die unter den Schatten des Faschismus geraten war.' ... Roosevelts blinde Flecken und sein Zögern sollten als Gegenpol zum selbstgefälligen Mythos der 'Greatest Generation' im Gedächtnis bleiben. Doch wie Hitchcock anmerkt, ist das Bemerkenswerte daran, dass er überhaupt seine Meinung geändert hat und dass die Nation ihm folgte. Für den Rest des 20. Jahrhunderts trug die Rolle der USA im Kampf gegen den Faschismus dazu bei, ihre nationale Identität zu definieren. In einer Zeit, in der dieses Selbstverständnis zu schwinden scheint, plädiert 'A Shadow Over the World' eindringlich für den Antifaschismus als zentrales Erbe der modernen amerikanischen politischen Tradition."Weitere Artikel: Gehen oder bleiben? Diese Frage dürften sich viele Mitarbeiter in der Verwaltung unter Donald Trump stellen: Für beides gibt es Gründe, lernt Eyal Press, der für seine Reportage mit einer Reihe von Verwaltungsangestellten gesprochen hat. Amanda Petrusich hört Miley Cyruses neues Dancealbum "Bass Persuades". Justin Chang sah im Kino Lance Oppenheims "Primetime" mit Robert Pattinson. Anthony Lane porträtiert den polnischen Filmregisseur Paweł Pawlikowski.
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