05.10.2026. Ihre ausführliche Kritik an Christopher Nolans Film "Die Odyssee" beendete die britische Altphilologin und Homer-Übersetzerin Emily Wilson sinngemäß mit der Bemerkung, dass sie Nolan trotzdem sehr dankbar sei. Schließlich trage er auf seine Weise dazu bei, dass die Odyssee auch in Zukunft gelesen werde. Tatsächlich gibt es in jüngerer Zeit eine gewisse Renaissance: einige Dichterinnen haben sich Homers Werken auf neue Weise zugewandt. Hier ein paar Fundstücke.
William Turner, Odysseus verhöhnt Polyphem, 1829 Auf dem Bild des britischen Malers William Turner von 1829 "Ulysses Deriding Polyphemus" sieht man, wie durchscheinende engelgleiche Wesen das Schiff des Odysseus über die tosende See tragen, derweil der listenreiche Held triumphierend auf dem Deck steht und die brennende Fackel in die Luft hält, mit der er das Auge des Ungeheuers geblendet hat. Rechts im Bild der Schatten des Riesen. Schon immer hat Homer Künstlerinnen und Künstler beschäftigt: Komponisten, Bildende Künstler, Philosophen, Autoren und eben auch Dichter. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte Franz Kafka mit seiner Kurzprosa "Das Schweigen der Sirenen" Homer dem "Neonlicht der Moderne" (Rainer Stach) aus, und der Dichter T. S. Eliot sprach in Reaktion auf James Joyces Bloom'schen "Ulysses" von einer Faszination der "mythischen Methode": Es gehe bei Joyce darum, den Wirrnissen der modernen Erfahrung mit dem "Rettungsanker der Mythologie" zu begegnen, um dem "unermesslichen Panorama der Sinnlosigkeit und Anarchie, das die Zeitgeschichte darstellt, Gestalt und Bedeutung zu verleihen."
Es gibt viele Gründe, Homers Werke immer wieder neu in den Blick zu nehmen. Simone Weil, die französische Philosophin, Altphilologin und Resistancekämpferin studierte Ende der 1930er Jahre nach der Rückkehr aus dem Spanischen Bürgerkrieg noch einmal den griechischen Urtext der "Ilias", und kam zu dem Schluss: "Der wahre Held, das wahre Thema ... der 'Ilias' ist die Gewalt." Die Gewalt, von Menschen ausgeübt, unterwerfe den Menschen. Und sie verwandele jeden, der ihr unterworfen werde, in eine Sache. Doch weder Sieger noch Besiegte würden in der "Ilias" bewundert, verachtet oder gehasst. Vielmehr sei die Bitterkeit dieses Textes von einer Zärtlichkeit, die sich bei Homer über alle Menschen gleichermaßen ergieße, "wie das Sonnenlicht" - über Freund wie über Feind.
So fiel er dort, entschlummert im erzenen Schlaf, / Der Unglückliche, fern der Gattin, schützend die / Seinen …
"Fern der Gattin" ... "schützend die Seinen" - das ist das traurige Schicksal aller Krieger in allen Kriegen. Der Krieg zerreißt alle Bande, die Liebenden, die Sorgenden, die Familien. Alle Krieger sind "fern der warmen Bäder", wie es bei Homer an anderer Stelle heißt.
Memorial
In jüngerer Zeit haben mehrere Dichterinnen die "Odyssee" aus ihrer "Heldenhaft" (Barbara Köhler) entlassen und sich der inneren sprachlichen, bildlichen und denkerischen "energeia" (enérgeia/ενέργεια) von Homers Werken gewidmet. Ihrem Gemachtsein, und vor allem: ihrer inneren Wirkkraft, die bis heute andauert. Die britische Dichterin und Altphilologin Alice Oswald etwa interessiert sich wie Simone Weil und James Joyce für die "ordinariness", die Alltäglichkeit bei Homer, wie sie das nennt. In ihrem Band "Memorial" würdigt Oswald all jene, die im Schatten der Helden sterben, also die gemeinen Krieger.
Die Oralität, die Performativität und die Klangwelt der Worte, wie sie einst Homer mit der Nähe von "Odysseus" und "οὔτι" (oútis, niemand) grundierte, spielt hinein. "Niemand" ist zunächst ein Verhörer oder ein Versprecher, und vielleicht auch ein Versprechen. Oswald schreibt:
Als ein auf den mündlichen Vortrag zielender Dichter hat Homer eine andere Art, Satzteile miteinander zu verknüpfen: Wo ein prosaischer Autor die Satzteile alle an ein finites Verb binden und eine Zeile schaffen würde, die verflochten, verdreht und kontrolliert ist, lässt ein oraler Dichter die Satzteile auseinander herauswachsen. Er nimmt eine rhythmische Phrase und fügt eine weitere hinzu, und dann noch eine.
Durch derlei Freiheit zwischen den Satzteilen könnten die einzelnen Dinge mehr bei sich sein. Mehr sie selbst sein. Sagt sie. Und so seien Menschen bei Homer wirkliche Menschen und ein Baum wirklich ein Baum - ein grünes, blättriges, echtes Etwas.
Das Rätsel, das ich mein ganzes schriftstellerisches Leben lang zu lösen versucht habe, lautet: Wie macht er das? Jedes meiner Bücher war ein Versuch herauszufinden, wie man einen Baum in ein Gedicht pflanzen kann.
Oswald hat Weils Beobachtung von Homers zärtlicher Bitterkeit weitergesponnen und in ihrem Band "Memorial" den gewöhnlichen Toten der "Ilias" Grabreden gehalten. Schließlich ist auch nach Jahrtausenden der plötzliche Tod eines jeden Menschen einzigartig. Zwischen diese Klagetexte hat Oswald übersetzte Passagen von Homers "Similes" eingefügt, also seine Vergleiche, die meist aus dem Alltäglichen stammen - aus Natur, Tierwelt, menschlichen Gesten oder Verrichtungen. So heißt es bei Oswald einmal:
POLYDOROS ist tot der das Laufen liebte Und nun muss man es seinem Vater sagen Dem müden Mann der an der Wand lehnt Und nach seinem Lieblingssohn Ausschau hält
Wie ein Löwe der seine Jungen durch einen Wald führt Und auf eine Linie von Jägern trifft Starren Blicks alle Kraft sammelt Das ganze Gesicht eine geballte Faust Um die Steine seiner Augen (dt. Ian Galbraith)
Der müde Mann, der seinen Sohn erwartet, gleicht einem Löwen, der plötzlich einer Gefahr gewahr wird und sein Gesicht zur Faust ballt.
In alter Rhapsodentradition trägt auch Oswald ihre Gedichte immer auswendig vor - und die Vergleiche werden dabei in "Memorial" zwei Mal gesprochen. "Einer der Gründe, warum ich sie wiederhole, ist, dass man als Leser oder Hörer Zeit braucht für die Trauer", gibt sie Auskunft. Schließlich seien "Similes" Teil der Heilkunst.
Niemands Frau
Auch Barbara Köhler ist Homers "energeia", seiner inneren Wirkmacht also, auf der Spur. In ihrem formal strengen und experimentellen Langgedicht "Niemands Frau" hat sie einen sehr eigenen, sprachenergetischen Ansatz verfolgt. Im Mittelpunkt ihrer 24 Gesänge steht die Odyssee. Das Spiel mit Odysseus und Niemand muss sie schon früh fasziniert haben. Zehn ganze Jahre schrieb Köhler an ihrer "Niemands"-Frau und ließ sich dabei immer mehr auf die altgriechische Sprache ein, lernte Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe Homer zu lesen. Köhlers Gesänge sind den Frauen der Odyssee verpflichtet, denn die Frauen arbeiten am Gewebe der Irrfahrt: Helena, Kirke, Kalipso, Nausikaa, Penelope, Athene. Köhler verwebt Homers Sprache mit heutiger - altgriechisch, englisch und deutsch - zu einem völlig eigenen, neuartigen Klang- und Sinnspiel. In Anlehnung an das singende Versmaß des Homer'schen Anfangs: "Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung" beginnt Köhlers Niemands Frau stotternd, suchend:
Sage mir muse wer Es ist was Er wer Homer & warum / ist Es wichtig & Es zu wissen sag mir wer du bist / was Ich ist sag mir dich frage ich mich sage ...
Die Begegnungen der Wörter, Klänge und Sprachen erweitern die eigenen Sprach- und Denkgewohnheiten. Neues kommt zutage: "Wer getötet hat stirbt, wer sich da einen Namen gemacht hat, wird niemand. ... niemand überlebt es, nur niemand kann das überleben. ... Dies überlebt, wer nicht glaubt, er käme davon."
Zwischen den Sprachen, so sagt sie, deuten Wörter in verschiedene Richtungen, so dass Felder deutlich werden, Areale, .... und darin "viele keineswegs feste wege" von Wort zu Wort, sodass, abgewandelt aus "Odyssee" bei ihr (in Anlehnung an Oskar Pastior) der Ruf ertönt: "oh die see".
Homerika
Wenn es stimmt, dass Gedichte so etwas wie Uhren sind, die eine eigene Zeit erschaffen, dann trifft dies auch für die Gedichte der derzeit vielleicht bedeutendsten neugriechischen Dichterin Phoebe Giannisis zu. Giannisi ist ausgebildete Architektin und hat in Griechenland schon zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht. In ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Band "Homerika" (2016) verwob sie Aspekte der Odyssee mit eigenen Erlebnissen, Fragen und Beobachtungen. Zwar gehen die Personen darin teils antiken Tätigkeiten nach, aber zugleich leben sie ganz im Hier und Jetzt. Hier eine Sommerszene in Griechenland:
der Sand im Schuh der Fuß / die Pinie im Sand das Auto im Schatten / der Fremde am Strand schläft bei der Pinie er kam von weit her / hat Länder und Meere durchquert / Kiesel Sand Spaziergänge und Gespräche / ein Großvater spricht über seinen Enkel sammelt Muscheln.
Ein andermal:
Wenn ein Kind geboren wird / fließt Zärtlichkeit / wie Milch aus den Brüsten / ... / etwas großes wird geboren in etwas so kleinem / offen und geschlossen / jedes Neugeborene ist Zeus in seiner Höhle / gesäugt von Ziegen / hilflos und deswegen / mächtiger als alles / ... / wieder ist ein unendliches Geschenk von den Sternen gefallen.
Es gibt ihn, den "Rettungsanker der Mythologie", von dem T.S. Eliot sprach, er durchwirkt uns. Ein Jenseits im Jetztzeit-Getümmel.
Eines der sich wiederholenden Themen bei Giannisi ist die Heimkehr. Kann man überhaupt zurückkehren? Wie wird die Heimat sich verändert haben in der Zeit der Abwesenheit. Und wie stark prägt oder hemmt einen das, was man unterwegs erlebte? Wie trägt man dieses mit sich herum und in die alte Heimat hinein? Das Schicksal des Exils durchwebt schließlich das Leben im globalen Zeitalter.
wie du plötzlich begriffen hast welchen Grund du hast zurückzukommen [...] damit du es schaffst zu begraben damit du es schaffst wieder und zum letzten Mal von Anfang an zu lieben
Chimera
Giannisis zahlreiche Gedichtbände handeln von Tieren, Mythen, Orten und der Polyphonie des Lebens. In ihrem jüngsten Buch "Chimera" hat sie äußerst verschiedene, in einen (Sprach-)Körper gekleidete Seelen versammelt. Ein Miteinander von Menschen, Momenten, Reflexionen. Ausgangspunkt ist "chimera", das griechische Wort für weibliche Ziegen, sowie die Bezeichnung von mythischen Mischwesen. Chimären. Drei Jahre hat Giannisi unter walachischen Ziegenhirten gelebt und deren Praxis des Wanderweidens (engl., "transhumance") begleitet. Beobachtungen alltäglicher Verrichtungen wie Melken, Scheren, Gebären und Schlachten mischen sich mit den Gesprächen der Hirten, mit Räuberballaden und Rembetika. Eingewoben in den Text sind Sätze von Homer, Derrida, Agamben, Onkel Yannis, Makis Mourtos und dem Biologen Giorgos Giannisis. Eine chimärische Poesie, die Tier und Mensch verbindet. Dicht, minimal, direkt. Bislang gibt es den Band nur in englischer Übersetzung. Dabei handelt er von so vielem, was uns angeht. Wieder verbindet Giannisi eigene Alltagsbeobachtungen mit mythischen Momenten auch aus der Odyssee.
Am Anfang des Bandes liest man:
der erzähler sagt: zwei winter verbrachte ich im Pferch mit Chara Ich sah die Tiere schreien und ficken (wenn die Menschen sie ließen) Ich sah, wie die Tiere geboren wurden (mit der Hilfe der Menschen) Ich sah die Tiere weiden (wohin die Menschen sie führten) Sah Tiere geschoren und geschmückt (wenn die Menschen es wollten) Ich sah, wie die Tiere geschlachtet und gehäutet wurden wie sie von ihren Müttern getrennt zusammen leben und sterben ....
Zusammen leben und zusammen sterben. Gedichte sind dafür gemacht, gehört zu werden, auch wenn man sie nur liest, hat Phoebe Giannisi einmal gesagt. Durch die Kraft der Oralität hat die "Odyssee" offensichtlich spielend 3000 Jahre überlebt. Ein Sagen und Hören. Ein Hörensagen. Und jedes Mal neu. Tragödie zum Beispiel. Das Wort, das aus tragos (männliche Ziege/Bock) und ode (Gesang) zusammengesetzt ist, mutiert bei Giannisi in Anlehnung an das altgriechische Wort aiga (weibliche Ziege) zu Aigedy. Und da ego (ich) und aiga im griechischen gleich klingen, hat Giannisi in Chimera eine Stimme erfunden, die beide Worte im Namen trägt - transhuman und transformativ.
*******
Zum Weiterlesen:
Simone Weil, "Die Ilias oder das Gedicht von der Gewalt", dt. von Wolfgang Matz und Elisabeth Edl, Matthes und Seitz (Fröhliche Wissenschaft) Berlin 2026. Alice Oswald, Memorial, in dies., 46 Minuten im Leben der Dämmerung, dt. Ian Galbraith und Melanie Waltz, S. Fischer Verlag, 2018. Barbara Köhler, Niemands Frau. Gesänge, Suhrkamp 2009, Nachauflage in Vorbereitung. Phoebe Giannisi, Homerika, Gedichte, dt. von Dirk Uwe Hansen, Reinecke und Voß 2016, vergriffen. Dies., Chimera, aus dem Griechischen ins Englische übertragen von Brian Sneeden, New Directions, New York 2025. Anne Carson, Norma Jeane Baker von Troya, dt. von Marie Luise Knott, Matthes & Seitz Berlin 2025. Emily Wilson, "An Uncomplicated Man", in: London Review of Books, 13. August 2026. Elena Pallantza, Homerika. Über einen Gedichtband von Phoebe Giannisi.
Shida Bazyar: Die Lücken Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre… Caroline Blackwood: Das Schicksal von Mary Rose Aus dem Englischen von Claudia Voit. Caroline Blackwood, Erbin des Guinness Vermögens und schillernde Figur der Londoner Bohème, hat aus ihrer Herkunft und ihrem Leben keine… Dana Vowinckel: Anton und Alma Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen. Jahre später treffen sie sich auf einer Party wieder. Beide kommen aus Berlin und studieren… Dörte Hansen: Broder Broder Bahnsen wollte nie etwas anderes als Bauer werden, Nachfolger seines Vaters, der ihm den "Kuhverstand" vererbt hat, das Gespür für Tiere. Aber den Hof bekommt sein…