Penguin Verlag, München 2026
ISBN
9783328604556 Gebunden, 224 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Broder Bahnsen wollte nie etwas anderes als Bauer werden, Nachfolger seines Vaters, der ihm den "Kuhverstand" vererbt hat, das Gespür für Tiere. Aber den Hof bekommt sein Zwillingsbruder Henning, nur wenige Minuten älter, immer schon selbstbewusster und mehr an Maschinen interessiert. Vom Hof vertrieben, baut Broder Bahnsen sich ein Gegenleben auf, wird Tierarzt und hält Abstand zum Betrieb, bis er nach über zwanzig Jahren wiederkommt und eine Praxis in der Nähe der Familie übernimmt. Ab da kümmert er sich auch um die Herde seines Bruders, der den elterlichen Hof zu einem hochmodernen Vorzeigebetrieb gemacht hat, mit Kühen, die auf maximale Milchleistung gezüchtet wurden. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Broder ist der erste, der bemerkt, dass Henning langsam die Kontrolle über seinen Hof verliert. Und muss sich plötzlich fragen, ob er darauf nicht all die Jahre nur gewartet hat. Ist das die Gelegenheit, endlich den Platz seines Bruders einzunehmen? Oder hegt er genau wie seine Tochter Claire schon längst Zweifel an dieser Art der Tierhaltung?
"Traurige Figuren auf traurigen Bauernhöfen" sind ja der Markenkern von Dörte Hansens mittlerweile vier Romanen. Rezensent Jens Jessen möchte nun der Frage auf den Grund gehen, was die Leserinnen und Leser daran finden. Vielleicht sind es die Verlusterfahrungen der Gegenwart, die sie mit den Figuren teilen, mutmaßt er. Hier sind es der Landwirt Broder, der sich vom Futtersilo stürzt, und sein Vater, der sich melancholisch an die guten, alten Zeiten erinnert und nicht mit den geforderten Modernisierungen seines Betriebs mitkommt. Dazu kommen die in Scharen in die Dörfer einfallenden Stadtbewohner, die irritiert sind, dort jetzt wieder auf hochtechnologisierte Prozesse zu treffen, schildert Jessen. In gewisser Weise erinnert ihn der Text auch an Pasolini, der schon in den 1970er-Jahren konstatierte, dass Fortschritt am Ende nur zu Konformität führe. Bei Dörte Hansen gibt es allerdings keine soziologische Analyse, räumt der Kritiker ein, "überhaupt nichts abstraktes", sondern Figuren, die Alltags- und Gesellschaftskonflikte austragen, "eine Art positive Resignation" ausleben und damit wahrscheinlich für viele Leute etwas Trostspendendes haben, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2026
Rezensent Jan Wiele bewundert, dass in Dörte Hansens Landlust-Variante ein geschlossenes Erzählkunstwerk schlummert. Eher ein Anachronismus, aber ein gut gemachter, findet er. Die Geschichte eines Bruderzwists im hohen Norden erzählt die Autorin mit schon gewohnter Kunstfertigkeit unterhaltsam und pointiert. Bekannte Stadt-Land-Konflikte, Rindergrippe, Kain und Abel und "Der Doktor und das liebe Vieh" spielen hinein, stellt Wiele fest. Aber wie Hansen ihre Motive und Referenzen jongliert und auch an die Gegenwart bindet, überrascht den Rezensenten doch sehr positiv. Ein stimmiger und sogar erbaulicher Roman, meint er.
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