30.09.2026. Übersetzen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Im dritten Teil dieser Kolumne schreibt Annette Hug: "Wenn ich maschinengeneriertes Tagalog lese, schlafe ich vor Langeweile fast ein. Umso schöner ist es, sich in einen Text zu vertiefen, der ein Bewusstsein für Sprachbegegnungen verrät.
Das "Toledo"-Programm hat sich seit seinem Start 2018 als internationale Sparte und digitales Labor des Deutschen Übersetzerfonds etabliert. Auf die Idee zu einer Kooperation mit "Toledo" kamen wir durch die grandiosen "Toledo-Journale", die auf der schönen Website von Toledo nachzulesen sind. Außerdem haben wir zusammen mit "Toledo" die Kolumne "Mind the Gap" gestartet. Hier geht es um eine andere Art der Reflexion: Gerade Übersetzungen gehören zu den Qualifikationen, die von Künstlicher Intelligenz radikal in Frage gestellt werden: Technische Übersetzungen oder Übersetzungen aus bestimmten Sachgebieten wie Recht oder Wirtschaft können heute schon von KI erstellt werden - der Übersetzer wird hier zum Kontrolleur im Maschinenraum. Aber wie verhält es sich mit literarischen Übersetzungen? Einige der bekanntesten deutschen und internationalen ÜbersetzerInnen werden in den nächsten Monaten über diese Fragen nachdenken. Im zweiten Teil der Kolumne denkt die Russisch-Übersetzerin Olga Radetzkaja über Spannung und Bewegung von Sprache nach.
D.Red.
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"Guugle" sei ein schönes Mundartwort, sagte der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler vor Jahren. Da tobte gerade eine Diskussion über den Ansturm des Englischen. Ob "googeln" irgendwann "guhgeln" geschrieben wird? Wenn sich niemand mehr erinnert, dass es einmal eine Firma namens "Google" gegeben hat?
Als Übersetzerin sitzt man mittendrin in den Sprachveränderungen. Das kann Spaß machen, zumal wenn man mögliche Veränderungen übersetzend selbst gestaltet oder gar antreibt. Die Sprache Tagalog, aus der ich übersetze, kennt zum Beispiel kein grammatikalisches Geschlecht. Alle Pronomen sind neutral oder besser gesagt: vieldeutig! Beim Übersetzen des Gedichtbands "Offenes Meer" von Luna Sicat Cleto wusste ich oft nicht, ob sich da jemand an einen Mann oder eine Frau wendet. Im Gespräch mit der Dichterin erhielt ich Aufklärung. Das tat mir fast leid. Nur in einem Gedicht mit liedhaftem Refrain konnte ich kaibigan mal als Freund, mal als Freundin übersetzen. Als sei das kein großer Unterschied. Wer weiß, vielleicht wird sich das Deutsche so entwickeln, dass ein Übersetzer in zwanzig Jahren das Personalpronomen siya mit einem Wort übersetzt, das wir heute noch nie gehört haben?
Mit Luna Sicat Cleto sprach ich im November 2018 über ihre Gedichte. Da war noch nicht absehbar, ob ich für die Übersetzung einen Verlag finden würde. Luna bot mir an, als Entgelt in Manila gratis bei ihr zu wohnen. Wenn die Philippinen nicht gerade Gastland der Frankfurter Buchmesse sind, arbeite ich in unsicheren Nischen des Literaturbetriebs. Denn Tagalog-Literatur kann man im deutschsprachigen Raum nicht studieren, da gibt es auch keine Scouts oder Agenturen. Besonders deutlich wurde das, als die Philippinen 2025 tatsächlich als Gastland nach Frankfurt kamen. Plötzlich war ich in vielen Rollen gefragt: vermittelte bei stockenden Verlagsverhandlungen, reiste mit Autor:innen zu Veranstaltungen, gab viele Interviews. Es war eine euphorische Zeit, gleichzeitig war ich manchmal auch das Nottelefon für Verständigungsschwierigkeiten aller Art.
Das war auch schon die Zeit, als man dauernd gefragt wurde: Braucht's denn noch menschliche Übersetzer:innen? Da konnte ich (neben vielem anderen) sagen: Eine KI baut keine Beziehungen zwischen Autorinnen und Menschen in Verlagen oder mit Journalistinnen und Veranstaltern auf. Wenn das aber niemand macht, ist die Chance groß, dass eine Übersetzung nur als PDF irgendwo im Netz vor sich hindümpelt.
Das gilt wohl für alle Sprachen, aber für sogenannte "kleine Sprachen" wie Tagalog besonders. Mit der Unabhängigkeit der Philippinen (1946) wurde eine leicht formalisierte Variante von Tagalog unter dem Namen Filipino zur Nationalsprache erklärt, aber bis heute ist ihre Institutionalisierung schwach. In der höheren Bildung, der Justiz und in der Literatur dominiert noch immer das Englische. Doch was philippinische Institutionen nicht geschafft haben, scheinen jetzt KI-Anbieter in rasendem Tempo zu liefern: Die Standardisierung von wahlweise gehobenen oder umgangssprachlichen Sprachvarianten. Weil es nur wenige Sprachschulen für Tagalog gibt, ist das für Sprachlernende nützlich. Wenn ich allerdings maschinengeneriertes Tagalog lese, schlafe ich vor Langeweile fast ein. Umso schöner ist es, sich in einen Text zu vertiefen, der ein Bewusstsein für Sprachbegegnungen verrät.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Armanda Bartolome, die Protagonistin von Lualhati Bautistas Roman "Die 70er", erzählt zum Beispiel: "Well, it's a man's world, honey; das sagt Julian und ihr müsst entschuldigen, dass er immer so kolonial ins Englische fällt". Die Erzählerin spricht mit sich selbst und mit einem imaginären Publikum. Weil deutlich wird, dass Amandas Ehemann Julian beim Mansplaining immer englische Sentenzen raushaut, sollte das auch im Deutschen so bleiben. Aber hieß das, alles Englische sollte auch im deutschen Buch einfach englisch bleiben? Lualhati Bautista (1945 - 2023) war eine der populärsten Autorinnen der Philippinen und wollte sehr verständlich schreiben. Das hieß für die Übersetzung: Auch Leser:innen, die nicht gut Englisch können, sollen das Buch lesen wollen. So ergab sich eine Gratwanderung. Denn das Englische ist in Manila nicht nur belastete Kolonialsprache, sondern auch eine Brücke zu internationalen Songs und ein Materiallager für Wortspiele zwischen den Sprachen. Manchmal werden englische Wörter in tagalischer Orthographie geschrieben, der Effekt ist dann fast der einer Notenschrift. Ich meine Amandas Ärger zu hören, wenn sie sich zwar mit einem höflichen "Thank you" von ihrem Mann verabschiedet, danach aber denkt, wie schräg das eben war - nagtetenk-yu ako! - "und ich mach dann: sänk yu!"
Englisch nimmt auch im Deutschen immer mehr Raum ein. Aber Englisch ist nicht gleich Englisch. Wenn ein junger Kommunist in Manila abfällig von "kano" spricht, was ein abgekürztes "americano" ist, dann kann ich das einfach als "Ami" übersetzen. Nur ist der "Ami" zwar auch in Deutschland ein Topos, aber eben ein anderer. Es ist nicht dasselbe, ob jemand in einem Land spricht, das von den USA nach einem brutal geführten Eroberungskrieg kolonisiert wurde oder in einem Land, das die alliierten Truppen besiegt und damit vom Faschismus befreit haben. Ein dumpfer deutscher Antiamerikanismus durfte in Amandas Monolog nicht anklingen. (Spoiler: Das Wort "Ami" kommt dann doch an wenigen Stellen vor, wenn jemand dumpflinke Parolen schwingt.)
Als Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2025 vom "Kolonialismus" amerikanischer Techkonzerne sprach, gegen den sich Deutschland wehren müsse, schüttelte ich den Kopf. Nicht weil ich gegen eine Regulierung von Google, Open AI & Co wäre, aber ich musste die Wörter im Hirn wieder an einen Ort hinkriegen, wo sie irgendwie passten. Übersetzen ist eine Werkstatt der Sorgfalt und manchmal packt mich die Hoffnung, dass sich etwas davon im Alltag verbreiten könnte.
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Erwähnte Bücher:
Luna Sicat Cleto: Offenes Meer. Gedichte. Edition Tincatinca, Winterthur 2024, Taschenbuch, 96 Seiten, 26 Euro
Lualhati Torres Bautista: Die 70er. Roman. Orlanda Verlag, Leipzig 2025, kartoniert, 200 Seiten, 22 Euro
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
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