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07.10.2026. Für die SZ unternimmt Marko Martin einen Streifzug durch die tschechische Literatur des 20. Jahrhunderts, die uns so viel für die Gegenwart lehrt. Achtung, die Influencer kommen: Backstage Classical sorgt sich mit Blick auf eine anstehende Programmreform um die Qualität der Klassik-Formate der Öffentlich-Rechtlichen. Abgründige Naturbilder mit KI-Input betrachtet die taz in einer Berliner Ausstellung; unter anderem gibt es brennende Eisberge zu bewundern. critic.de empfiehlt eine Nürnberger Retrospektive, die sich dem Regisseur Alfred Vohrer widmet - und damit einem Werk zwischen Geisterbahn und Fetischalbtraum.
Der SchriftstellerMarkoMartin lädt in der SZ anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo sich Tschechien als Gastland präsentieren wird, dazu ein, die tschechischeLiteraturdes20. Jahrhunderts zu durchstöbern, zumal darin die politische Gewaltgeschichte des Landes immer wieder aufgegriffen wird. Das wäre auch für die Gegenwart lohnend: "Immerhin steht auch diesmal das politische Prag wieder im Fokus, ringen auch dort proeuropäische Parteien mit den Formationen der putin-nahen rechten und linken Populisten. 'Präzedenzlos', wie es oft so blauäugig heißt, ist all das nicht. Und auch davon haben Bücher Zeugnis gegeben, die inzwischen freilich nahezu vergessen sind - zum Schaden unseres europäischen Gedächtnisses und der Einschätzung der aktuellen Gefahren." Konkret empfiehlt Martin Romane von Pavel Kohout, Friedrich Torberg, Alice Rühle-Gerstel, Jorge Semprún und Leo Lania.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der taz ist Dirk Knipphals sehr beeindruckt von der Rede, die ShidaBazyar zur Auszeichnung mit dem DeutschenBuchpreis für ihren Roman "Die Lücken" (unser Resümee) gehalten hat: "Sie könne keine glückliche Dankesrede liefern. (...) Das anwesende Publikum hielt in diesem Moment den Atem an." Die Autorin "freute sich über die Anerkennung, aber es kam ihr nicht ganz richtig vor, das uneingeschränkt zu tun, da dieser Roman doch von Menschen handelt, die verfolgt, terrorisiertundermordet wurden. Diese Reaktion ist mehr als nachvollziehbar, zumal in einer Situation, in der wieder öffentlich über Vertreibungen von Menschengruppen von deutschem Boden diskutiert wird. ... Ihre Reaktion verrät etwas über eine mögliche Wahrheit der Literatur: Reale menschliche Schicksale stehen dahinter." Auch Andreas Platthaus (FAZ) ist beeindruckt von dieser Rede: Die Autorin habe "am Beispiel des ihr tiefvertrauten Herkunftsorts Hermeskeil das Vertrauen ins Vertraute verloren".
Weiteres: Katrin Hörnlein (ZeitOnline) spricht mit dem JugendbuchautorJohnGreen, der mit "Hollywood, Ending" erstmals ein erwachsenes Publikum anvisiert. Cathrin Kahlweit (SZ) und Marion Löhndorf (NZZ) schreiben Nachrufe auf den britischen Schriftsteller JeffreyArcher. Und das FAZ-Team gibt der Schwedischen Akademie Literaturnobelpreis-Tipps.
Besprochen werden unter anderem RachelCusks "Das Leben der M" (online nachgereicht von der taz), ColsonWhiteheads "Cool Machine" (FR), AnnetteMingels' "Evas Tochter" (FR), PeterGraingers "Gnade vor Recht" (FR), BenSalomos "Sechs Millionen, wer bietet mehr?" (Standard), neue Bücher von WolfBiermann (FAZ) und die Neuausgabe von H. G. Adlers "Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Jakob Hayner kann, lesen wir in der Welt, einiges Anfangen mit "Die Ankunft", einem Jelinek-Medley, das Regisseur Jan-Philipp Gloger am Volkstheater Wien auf die Bühne bringt. In vier Teilen bewegt sich der Abend durch Abgründe der deutschen und österreichischen Geschichte. Der Schlussakt heißt "Das Lebewohl - nein: Die Ankunft" und widmet sich der Gegenwart: "Das Ensemble trägt nun Slim-Fit-Anzüge und ist unschwer als eine rechtspopulistische Politikertruppe zu entschlüsseln. Es läuft der mit KI generierte 'Remigrationssong'. 'Österreich ist frei', schallt es durch den Saal. 'Remigration, hip, hip, hurra!' Links ist vorbei, tönen die hippen Rechten siegesgewiss: 'Kein Arbeiter bewegt sich noch in dieser Bewegung. Und wenn, dann hin zu uns.' Glogers Regie bleibt präzise und kippt nicht ins Karikierende oder Dämonisierende. Unheimlich an der Truppe ist nicht, dass sie verkappte Wiedergänger der Nazis wären, sondern dass sie in ihrer ausgestellten Banalität die perfekten Bewohner dieses deutschen Katastrophenhauses sind, das am Ende in voller Größe zu sehen ist."
Ebenfalls in Wien, im Theater Drachengasse, hat Luise Aymar viel Freude mit "Apokalyse - wir sinken nicht!", der neuen Inszenierung des Kollektivs Dorn°Bering. "In ihrem absurden, lustigen Untergangsdrama begeben sich Gesa Bering und Stephan Dorn auf eine Reise durch bisherige Apokalypsen: Die Dinosaurier wundern sich, was das für ein riesiger Feuerball am Himmel ist. Martin Luther pflanzt noch kurz vor knapp einen Baum. Die beiden fragen sich: Wie würde so ein Weltuntergang eigentlich aussehen? Was machen Reporter, wenn sie live vor Ort berichten wollen? Und wenn die Welt untergeht, was passiert dann mit der Hölle?" Um Antworten auf solche Fragen zu finden, erarbeiten die beiden schreiend komische Performances mithilfe von Alltagsgegenständen und -klängen, so die Kritikerin: "Der Theatersaal wird mal zum Regenwald, mal lässt er Sturm und Donner in sich toben. So lauscht das Kollektiv dem Kontrollverlust und fragt sich zum Schluss: Hat ein Ende nicht auch sein Gutes? Das "A" in Apokalypse steht doch schließlich für Anfang."
Außerdem: Weiterhin keine gute Presse hat das Saison-Auftaktwochenende der Berliner Volksbühne unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal. Jolinde Hüchtker sieht in der Zeit immerhin noch Licht und Schatten, Jakob Hayner hingegen ist in der Welt bitter enttäuscht: "Keine Sozialarbeit zwar, aber dafür schlechte Kunst". Kurzum: "Das Erbe des Bühne ist passé". Wolfgang Behrens gedenkt auf nachtkritik gleich vier legendären Theaterverlegern: Ute Nyssen, Helmar Harald Fischer, Maria Müller-Sommer und Krista Jussenhoven. Albrecht Selge berichtet auf van von der Europatournee des Kanze Nō Theaters.
Besprochen werden Jacques Offenbachs "Fantasio" am Landestheater Niederbayern, inszeniert von Christian von Götz (nmz) und Stefan Puchers Adaption von "Romeo und Julia" am Wiener Theater an der Josefstadt (FAZ).
"Die toten Augen von London" von Alfred Vohrer Auf critic.deempfiehlt Robert Wagner die von Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster und Christoph Draxtra kuratierte Nürnberger Retrospektive mit Filmen von AlfredVohrer, der im BRD-Unterhaltungskino der Fünfziger- bis Siebzigerjahre seinen Peak hatte und insbesondere durch seine oft wahnwitzigen Kameraspielereien auf sich aufmerksam machte. "Statt um die Geschichte geht es um Bilder, die uns das Altbekannte grell und überzogen präsentierten." Kanonisiert oder für seine Experimente gar vom Neuen Deutschen Film umarmt wurde Vohrer freilich nie: "Das größte Problem für Vohrers filmhistorischen Status war sicherlich seinUnernst. Gerade seine innerhalb von acht Jahren entstandenen Wallace-Filme zeigten in dieser Hinsicht eine rasante Entwicklung. Von Beginn weg war der expressionistisch geschulte Gothic-Horror seiner Krimis mit Augenzwinkern und albernem Humor ausgestattet. Aber irgendwann scheint Vohrer jede Lust verloren zu haben, so zu tun, als würde er Horror plus Spaß bieten und nicht etwas im Kern Albernes. Immer absurder werden die Geschichten. Immer weniger sind sie auf Sinn und Verstand ausgelegt. Lustvoll dekonstruieren sie, lustvoll stellen sie Grauen dar. Zuweilen wirken sie wie eine surreale bis dadaistische Mischung aus Geisterbahn und glühendem Fetischalbtraum." Auf epdFilmschreibt Gerhard Midding über seine Vohrer-Entdeckungen.
Weiteres: Marion Löhndorf schreibt in der NZZ zum Tod der Schauspielerin EvaMariaSaint, die im überaus gesegneten Alter von 102 Jahren verstorben ist. Denis Sasse unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch die Animationsfilme des DreamWorks-Studios. Im Standardgratuliert Marian Wilhelm Christoph Waltz zum 70. Geburtstag. Und der umstrittene Deal ist in trockenen Tüchern: Paramount übernimmt Warner und bildet damit den neuen Kino-Superkonzern "Skydance" - die Weltmit Einzelheiten und Hintergründen.
Besprochen werden AaronSorkins "The Social Reckoning" über die Facebook-Leaks (NZZ), Andreas Dresens "Alte Liebe" (Tsp) und NaHong-jins koreanische SF-Horrorkomödie "Hope" (taz).
Interessiert spaziert Tilman Baumgärtel für die taz im Berliner Haus am Lützowplatz durch die Ausstellung "On Landscape", die "Naturbilder zwischen Romantik, Anthropozän und Künstlicher Intelligenz" präsentiert. Was passiert, das scheinen die ausgestellten Arbeiten zu fragen, wenn die ganze Welt zum Uncanny Valley wird? Jedenfalls ist die Natur "hier nicht schlichtes Abbild einer vorhandenen Wirklichkeit, sondern oft das statistisch erzeugte Destillat unzähliger Landschaftsbilder. In 'Drill Baby Drill', einem Video des Londoner Kollektivs Troika, dessen Bilder komplett von KI-Generatoren erzeugt wurden, sieht das am Anfang wenigstens noch aus wie ein Desktop-Hintergrund von Windows XP. Aber dann ist da eine Wüstendüne, die sich aus einem vereisten See erhebt. Und irgendwann brennen Eisberge."
Ebenfalls für die tazschaut sich Sophie Jung auf dem Grazer Kunstfestival steirischer herbst um. Ganz so hoch her wie in vergangenen, provokativen Arbeiten gewidmeten Jahren geht es diesmal nicht. "Psychisch unruhig" ist die ausgestellte Kunst gleichwohl: "Wahnhaft wird der ukrainische Künstler Nikolay Karabinovych. Er schlüpft in die Rolle eines Detektivs, zeigt sein fiktives verlassenes Büro, Musikfolterkammer inklusive. Manisch hat Detektiv Karabinovych Artefakte aus der UdSSR und frühen Ex-UdSSR zusammengesammelt: Zeitungsausschnitte, Modefotografien, Kuckucksuhren. Er sieht in dem 1995 ermordeten russischen Fernsehjournalisten Wladislaw Listjew eine Reinkarnation Walter Benjamins und zieht Verbindungen zur Heirat des Turbofolk-Stars Ceca mit dem serbischen Milizenführer Arkan. In seiner irren Assemblage wird alles zum Indiz für die mafiösen Verschränkungen von Wirtschaft, Politik, Pop und Porno im heutigen Russland."
Außerdem: Hilda Dirks ist für die taz im Berliner Wedding in den Gerichtshöfen unterwegs, wo Künstler ihre Ateliers öffnen. Cézanne heißt jetzt im Ausstellungskontext oft wieder Cezanne, berichtet Peter Kropmanns in der NZZ - tatsächlich war das die historische Schreibweise seines Familiennamens. Das lauwarme Urteil der Nachwelt über den Renaissance-Maler Corregio muss korrigiert werden, findet ein begeisterter Stefan Trinks nach dem Besuch einer dem Künstler gewidmeten Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, in der FAZ (mehr dazu hier). Besprochen werden weiterhin die Schau "Metaxy: Between Destruction and Reconstruction" in der Berliner Akademie der Künste (monopol) und die von Annika Kahrs gestaltete Soundinstallation "Chorus" in der Berliner Nikolaikirche (Tagesspiegel).
Auf BackstageClassicalsorgt sich Axel Brüggemann darüber, dass das Deutschlandradio im Zuge seiner für November angekündigten Programmreform im Hinblick auf seine Klassik-Berichterstattung verflachen könnte: "Wohin die Sehnsucht der öffentlich-rechtlichen Sender nach einer Erweiterung des Kulturbegriffs und einer Profanisierung des Programms führen kann, ist in anderen Teilen bereits zu beobachten. Etwa bei den digitalen Angeboten von ARD Klassik. Dort übernimmt der öffentlich-rechtliche Rundfunk zunehmend die Sprache der Influencer: kurze Clips, schnelle Pointen, Personality, Emotion und möglichst niedrige Zugangsschwellen. ... Indem sich das Kulturradio immer weiter der Breite öffnet, droht es sich zugleich gedanklich zu nivellieren. Und hier droht es dann zu verlieren, worauf es besonders angewiesen ist: ein kulturbürgerliches Publikum."
Weiteres: Peter Kemper berichtet in der FAZ vom "EnjoyJazz"-Festival in der Rhein-Neckar-Region, wo unter anderem SouadMassi, TrygveSeim und TordGustavsen spielten. Besprochen werden ein von ElimChan dirigiertes Konzert der WienerSymphoniker mit GidonKremer (Standard), FrankieRoses Album "Hila" (FR) und "Keine Angst" von DangerDan, ein Album, auf dem "keine Satzstellung sitzt, alles ist in aufrichtiger Weise uncool", wie Daniel Gerhardt auf ZeitOnline schreibt.
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