Die Kultur moderner Gesellschaften stellt sich als Schaufenster sozialer Gegensätze dar. Die Symbolwelten und kulturellen Praktiken des Alltags repräsentieren gesellschaftliche Rangordnungen. Insofern beruht die Macht der Unterscheidung darauf, durch Distinktionen Vorteile und Prestige zu erlangen. Sighard Neckel erzählt in seinen soziologischen Essays von den Taktiken und Finessen alltäglicher Abgrenzungskämpfe. Auf seinen ethnographischen Streifzügen durch Szenen, Lebensstile und Milieus stellt Neckel präzise Beobachtungen an und berichtet von den Diskursen, die heute die modernen Formen sozialer Ungleichheit begleiten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 01.02.2001
Uwe Justus Wenzel sieht in dem Buch, das in 19 Essays aus 15 Jahren eine Vielzahl von Themen anschneidet, eine echte Hilfe, im "Wahrnehmungsalltag die Bäume zu sehen und den Wald". In seinen kultursoziologischen Aufsätzen betrachte der Autor Phänomene wie Scham, Wut, Neid und setze sie zur Individualisationsforderung der Gesellschaft in Beziehung. Der Rezensent lobt, dass Neckel auch ohne die "altgediente" Klassenanalyse auskommt, wenn er zu zeigen versucht, dass der Grad der Individualisierung nicht zuletzt eine Frage des Einkommens ist. Er attestiert Neckel, sowohl das jüngst von Ulrich Beck aufgegriffene Thema schon zehn Jahre früher behandelt zu haben, als auch über dessen manchmal allzu "trendige These von der Individualisierung" hinauszugehen, indem er sorgsam zwischen wirklicher Individualisierung und anderen, kulturellen Anpassungsprozessen unterscheide.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 18.10.2000
Lutz Ellrich folgt dem Soziologen Sighard Neckel vor die Auslagen der "kribbelbunten Gegenwartsgesellschaft". Ebenso verschmitzt wie moralisch ambitioniert zeigt der Autor in seiner neuen Aufsatzsammlung die breite Palette der Lebensgestaltungsmöglichkeiten, die die moderne Gegenwartsgesellschaft bereit hält, lobt Ellrich. Gleichzeitig mache Neckel jedoch auf die für viele unpassierbaren Zugänge aufmerksam. So gelange der Leser "ins Innere eines Systems, das Erwartungen weckt, die es nicht befriedigt". Mit "unerwarteter Schärfe" deutet Neckel die pathologischen Folgen des Individualitätszwangs, dessen treibende Kräfte nicht kritische Reflexion, sondern Gefühle wie Scham, Neid und Wut sind, vermerkt der Rezensent und bewundert das "rhapsodische Verfahren der Zeitdiagnose", mit dem Neckel darauf aufmerksam mache, dass trotz der Fragmentierung des modernen Ich die "personale Einheit" zum gesellschaftlichen Köder werde, aus der eine symbolische Realität entstehe. Der Rezensent lobt ganz besonders den "äußerst geschmeidigen Stil" des Autors, der keinen Soziologenjargon zulasse. Die Lektüre dieser Essays sei somit intellektuell und ästhetisch gleichermaßen ein Vergnügen.
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