Eine Praxisgeschichte der Entschädigung in Baden-Württemberg
De Gruyter Oldenbourg Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783112248362 Broschiert, 306 Seiten, 24,95
EUR
Klappentext
Im Zweiten Weltkrieg sollten Sinti und Roma nach dem Willen der nationalsozialistischen Machthaber in Europa ausgelöscht werden. Die auch in der Forschung präsente Vorstellung, dass den Überlebenden dieses Völkermords nach 1945 eine Wiedergutmachung verweigert worden sei, unterzieht Joey Rauschenberger einer gründlichen empirischen Überprüfung. Er untersucht erstmals umfassend, am Beispiel Baden-Württembergs, wie Sinti und Roma in der Bundesrepublik entschädigt wurden. Dabei ergibt sich ein weitaus differenzierteres Bild als bisher. Die große Mehrheit der antragstellenden Sinti und Roma hat Zahlungen erhalten, die oft durchaus substanziell waren. Rauschenberger ordnet die Verfahren in ihre administrativen Kontexte ein und entwirft eine exemplarische Mikrogeschichte der südwestdeutschen Entschädigungsverwaltung. Sie legt das komplexe Geflecht menschlicher Interaktion zwischen Sachbearbeitern, Antragstellenden, Rechtsanwälten und anderen Akteuren offen, die das Entschädigungsverfahren zur "Kontaktzone" machte. Alltägliche Begegnungen, erfahrungsbedingte Erwartungen, tiefsitzende Vorurteile und spontane Handlungen beeinflussten die Praxis und Wahrnehmung von Wiedergutmachung. Dabei entstehende Enttäuschungen überschatteten und konterkarierten oftmals die materiell geleistete Entschädigung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.10.2026
Rezensent Hans Günter Hockerts hält Joey Rauschenbergers Buch über die Entschädigungspraxis für Sinti und Roma für grundlegend. Der Autor liefert eine Datenbasis, mit der sich künftig arbeiten lässt, meint Hockerts. Die Ergebnisse der Studie findet Hockerts teils überraschend, da in Rauschenbergers differenzierter, akkurater Darstellung sichtbar wird, dass die bisherige negative Bewertung nicht haltbar ist. Neben Zahlen und Bewilligungsquoten liefert der Autor laut Hockerts kulturgeschichtliche Perspektiven auf die mit der Entschädigung befassten Beamten und ihren Arbeitsalltag und auf konkrete zwischenmenschliche Situationen. Für Hockerts ist der "moderate Blick" des Autors ebenso wichtig, wie die Feststellung im Buch, dass das bisherige negative Bild Ursachen hat: Die langen Verfahrenswege und persistente "antiziganiszische Vorurteile" etwa.
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