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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2026. Die SZ staunt über Wolfram Weimers Pläne für einen Erinnerungsort zum Kolonialismus - warum in Bremen? Die FAZ stellt eine bizarre, aber einflussreiche Szene von Rechtsextremen in Italien vor, Intellektuelle, die zum schiitischen Islam übergetreten sind - dazu gehört der Chef der Biennale von Venedig. Kaum hat Wolfgang Benz durch ein Tagesspiegel-Interview Empörung ausgelöst, gibt die FR ihm Gelegenheit, sich zu wiederholen. Im Tagesspiegel antwortet unterdessen Michael Wolffsohn. Die taz warnt vor einem neuen Krieg in Äthiopien.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
29.09.2026
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Europa
Der Historiker Wolfgang Benz, Gründer des Zentrums für Antisemitismusforschung, hat sich mit einem Interview im Tagesspiegel am Samstag kräftige Empörung eingehandelt (unsere Resümees), so kräftig, dass die FR ihm gleich noch eine Gelegenheit gibt, sich im Interview zu rechtfertigen. Hier versucht er zu definieren, was seiner Auffassung nach Antisemitismus ist und was nicht. Der Genozid-Vorwurf fällt für ihn nicht darunter: "Die Vorgänge und die Kriegsführung in Gaza klar zu benennen, ist nicht antisemitisch." Die Linkspartei nimmt er weiter in Schutz: "Dem Übereifer junger palästinensischer Männer, die auf Berlins Straßen unanständige Parolen rufen, muss man Einhalt gebieten, und dem wird auch Einhalt geboten. Aber das wiederum zu instrumentalisieren, um der Linken einen Wahlsieg streitig zu machen, den sie wegen eines zentralen Themas errungen hat, nämlich der Wohnungsnot in Berlin und der politischen Absicht, große Wohnungseigentümer zu vergesellschaften, halte ich für falsch." Er will nicht bestreiten, dass Juden "das Recht haben, Angst zu haben", "aber die scheinheilige Behauptung, eine Beteiligung der Linken an einer Landesregierung in Berlin würde die Sicherheit jüdischer Bürger beeinträchtigen, halte ich für pure Heuchelei."
Benz unterschätzt die Gefahr, die vom linken Antisemitismus ausgeht, ruft ihm der Historiker Michael Wolffsohn im Tagesspiegel zu. Und "leider übergeht Benz die seit Jahren und seit 2023 dramatisch angestiegene, nachweisbare (!) Gewalt gegen Juden. Polizeischutz für Juden hält Benz für 'prophylaktisch'. (...) Wolfgang Benz ist ein liebenswürdiger Mann, und seine Amtsnachfolgerin eine ehrenwerte Frau. Aber in ihrer Analyse des Linken-Antisemitismus verlassen sie das Feld von Wissen und Wissenschaft und setzen faktenwidrig auf das Prinzip Hoffnung, Meinung, Ideologie. Mit solchen Freunden brauchen wir Juden keine Feinde mehr."
Die taz fragt in ihrer Sehnsucht nach einem Linksbündnis in Berlin, aber auch um ihres guten Gewissens willen, "Juden*Jüdinnen" (um korrekt zu gendern), was sie von der Linkspartei halten. Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion JSDU, schreibt: "Diesen Montag haben wir Yom Kippur gefeiert, das ist der höchste jüdische Feiertag. Zwei Tage vorher gab es einen Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal, im Januar einen Brandanschlag auf die Synagoge in Gießen. Wir haben keinen jüdischen Feiertag, an dem wir nicht mit irgendwelchen Schreckensmeldungen auf unseren Handys konfrontiert werden - versuchte Anschläge oder auch tatsächliche, wie letztens in England in Golders Green. In so einer Phase sich mit Terrorverherrlichern abzulichten, spricht eine deutliche Sprache."
Im Tagesspiegel berichten Alexander Fröhlich und Jana Ackerberg, dass sich auf der Wahlparty der Linken auch noch zwei Mitglieder des palästinensischen Barbakh-Clans gezeigt haben, die der PFLP nahestehen sollen und von denen laut Ermittlern eine "zweistellige Zahl" sicherheitsrelevant sein soll.
Im SZ-Interview mit Cathrin Kahlweit schildert der ukrainische Dokumentarfilmer Oleksii Sandakov, wie die Stadt Cherson nach der Befreiung durch die ukrainische Armee weiterhin von der russischen Armee terrorisiert wird. "Anfangs haben sie uns mit Artillerie beschossen; wirklich intensiv wurde der Drohnenterror vor zwei Jahren. Manchmal sirren die Drohnen eine Woche lang alle zehn Minuten über unseren Köpfen, bevor sie sich niederstürzen, manchmal ist es ein paar Stunden still. (...) Man muss allerdings mit allen Sinnen hören und sehen, ob Gefahr droht. Man geht immer noch hinaus, nicht jeder Schritt ist ein Todesrisiko. Man kennt die Stadtviertel, einige sind sicherer als andere. Es gibt Tage, da ist es tödlich, einkaufen zu gehen, es gibt Tage, an denen man mit Freunden einen Kaffee in der Sonne trinken kann."
Benz unterschätzt die Gefahr, die vom linken Antisemitismus ausgeht, ruft ihm der Historiker Michael Wolffsohn im Tagesspiegel zu. Und "leider übergeht Benz die seit Jahren und seit 2023 dramatisch angestiegene, nachweisbare (!) Gewalt gegen Juden. Polizeischutz für Juden hält Benz für 'prophylaktisch'. (...) Wolfgang Benz ist ein liebenswürdiger Mann, und seine Amtsnachfolgerin eine ehrenwerte Frau. Aber in ihrer Analyse des Linken-Antisemitismus verlassen sie das Feld von Wissen und Wissenschaft und setzen faktenwidrig auf das Prinzip Hoffnung, Meinung, Ideologie. Mit solchen Freunden brauchen wir Juden keine Feinde mehr."
Die taz fragt in ihrer Sehnsucht nach einem Linksbündnis in Berlin, aber auch um ihres guten Gewissens willen, "Juden*Jüdinnen" (um korrekt zu gendern), was sie von der Linkspartei halten. Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion JSDU, schreibt: "Diesen Montag haben wir Yom Kippur gefeiert, das ist der höchste jüdische Feiertag. Zwei Tage vorher gab es einen Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal, im Januar einen Brandanschlag auf die Synagoge in Gießen. Wir haben keinen jüdischen Feiertag, an dem wir nicht mit irgendwelchen Schreckensmeldungen auf unseren Handys konfrontiert werden - versuchte Anschläge oder auch tatsächliche, wie letztens in England in Golders Green. In so einer Phase sich mit Terrorverherrlichern abzulichten, spricht eine deutliche Sprache."
Im Tagesspiegel berichten Alexander Fröhlich und Jana Ackerberg, dass sich auf der Wahlparty der Linken auch noch zwei Mitglieder des palästinensischen Barbakh-Clans gezeigt haben, die der PFLP nahestehen sollen und von denen laut Ermittlern eine "zweistellige Zahl" sicherheitsrelevant sein soll.
Im SZ-Interview mit Cathrin Kahlweit schildert der ukrainische Dokumentarfilmer Oleksii Sandakov, wie die Stadt Cherson nach der Befreiung durch die ukrainische Armee weiterhin von der russischen Armee terrorisiert wird. "Anfangs haben sie uns mit Artillerie beschossen; wirklich intensiv wurde der Drohnenterror vor zwei Jahren. Manchmal sirren die Drohnen eine Woche lang alle zehn Minuten über unseren Köpfen, bevor sie sich niederstürzen, manchmal ist es ein paar Stunden still. (...) Man muss allerdings mit allen Sinnen hören und sehen, ob Gefahr droht. Man geht immer noch hinaus, nicht jeder Schritt ist ein Todesrisiko. Man kennt die Stadtviertel, einige sind sicherer als andere. Es gibt Tage, da ist es tödlich, einkaufen zu gehen, es gibt Tage, an denen man mit Freunden einen Kaffee in der Sonne trinken kann."
Ideen
Identitätspolitik ist nicht "progressiv" und Liberalismus ist nicht konservativ, beharrt die FDP-Politikerin Linda Teuteberg im Gespräch mit der NZZ: "In der 1848er Revolution haben Menschen ihr Leben gegeben im Kampf für freie, gleiche und geheime Wahlen, aus denen Parlamente hervorgehen. Jeder Abgeordnete ist ein Vertreter des ganzen Volkes, nicht nur seines Geschlechts oder seiner Herkunft. Die identitätspolitische Methode widerspricht der repräsentativen Demokratie. Die Forderung nach Bürgerräten ist auch Ausdruck antiparlamentarischen Ressentiments. Wenn das Eintreten für liberale Errungenschaften wie die parlamentarische Demokratie mittlerweile als konservativ wahrgenommen wird, sagt das viel über den Zeitgeist aus."
Kulturpolitik
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer trifft in Sachen Erinnerungsort zum Kolonialismus, der schon länger im Gespräch ist (unsere Resümees), mal wieder eine einsame Entscheidung, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. Der Erinnerungsort soll in Bremen eingerichtet werden. "Bremen war mit Bremerhaven neben Hamburg die wichtigste Drehscheibe der deutschen Kolonialwirtschaft", dort hielt Wilhelm II. auch seine "Hunnenrede". Die im Artikel zitierte kulturpolitische Sprecherin der Bundestags-Grünen Awet Tesfaiesus zeigt sich wenig begeistert, Berlin wäre für sie naheliegender gewesen. "Tesfaiesus stört sich aber auch am Vorgehen Weimers: Noch im Juli hatte die Bundesregierung erklärt, sie arbeite bei der Entwicklung des Gedenkorts und des Gedenkkonzepts zum Kolonialismus mit 'betroffenen Staaten und Gesellschaften' und 'zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren' zusammen. Ziel sei eine 'breite gesellschaftliche Auseinandersetzung'. Nichts davon habe stattgefunden, berichten Beteiligte. 'Das wurde zwischen zwei Büros in Berlin und Bremen entschieden, ohne dass die Communities beteiligt waren', sagt Tesfaiesus." Das erinnere sie "ein bisschen an die Kongokonferenz" und sei "an Arroganz nicht zu überbieten."
Weiteres: Im Welt-Interview mit Marcus Woeller spricht Manon Bursian, Stiftungsdirektorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, über den Einfluss, den die AfD nach der Wahl auf kulturelle Institutionen ausüben könnte.
Weiteres: Im Welt-Interview mit Marcus Woeller spricht Manon Bursian, Stiftungsdirektorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, über den Einfluss, den die AfD nach der Wahl auf kulturelle Institutionen ausüben könnte.
Politik
In Syrien gab es in den letzten zwei Wochen massive Proteste gegen die Entscheidung der Regierung von Präsident Ahmed al-Scharaa, den Diesel-Preis anzuheben und rang der Regierung sogar einen Kompromiss ab, erklärt der Politikwissenschaftler Muaz Al-Abdullah im Zeit-Online-Interview mit Alicia Kleer. Das sei alleine schon deshalb bemerkenswert, weil es zeigt, wie sehr sich die Bevölkerung verändert hat. "Syrer akzeptieren nicht mehr, dass die Regierung etwas beschließt, ohne an die Bevölkerung zu denken. Als im Nordosten wegen der Weizenpreise demonstriert wurde, hat Al-Scharaa eine Kompensation ausgezahlt. Aber es ist nicht mehr wie unter Assad: Hier hast du Brot, also sei leise. Die Revolution hat die Syrer verändert. Viele waren im Ausland, kennen die politischen Systeme in Europa, haben ein anderes Demokratieverständnis entwickelt. Sie kennen ihre Rechte - und dazu gehört auch das Recht, zu protestieren."
In Äthiopien flammt der vor ein paar Jahren mit Mühe und nach 600.000 Toten beendete Bürgerkrieg wieder auf. Die Tigray-Volksbefreiungsfront und Bündnisgenossen stellen sich gegen Ministerpräsident Abiy Ahmed. Dominic Johnson versucht in der taz, die komplizierte Lage zu erklären: "Abiy Ahmed verspricht den Äthiopiern mit der PP eine leuchtende Zukunft: Öffnung der Wirtschaft für ausländisches Kapital, ein Ende der Energieknappheit dank der Vollendung des großen Renaissance-Staudamms GERD am Blauen Nil und damit ein Ende der Massenarmut und wiederkehrenden Hungersnöte. Er schloss Frieden mit Eritrea und erhielt dafür 2019 den Friedensnobelpreis. Die Hauptstadt Addis Abeba glänzt mit Neubauvierteln, modernem öffentlichen Nahverkehr und der Förderung von E-Autos. Aber politische Freiheiten sind schmal und in den ländlichen Regionen, wo nach wie vor die meisten Menschen leben, bleiben alte autoritäre Herrschaftsmuster intakt: privater einheimischer Landbesitz bleibt verboten, allmächtige Sicherheitsapparate sorgen für eine engmaschige Kontrolle der Bevölkerung."
In Äthiopien flammt der vor ein paar Jahren mit Mühe und nach 600.000 Toten beendete Bürgerkrieg wieder auf. Die Tigray-Volksbefreiungsfront und Bündnisgenossen stellen sich gegen Ministerpräsident Abiy Ahmed. Dominic Johnson versucht in der taz, die komplizierte Lage zu erklären: "Abiy Ahmed verspricht den Äthiopiern mit der PP eine leuchtende Zukunft: Öffnung der Wirtschaft für ausländisches Kapital, ein Ende der Energieknappheit dank der Vollendung des großen Renaissance-Staudamms GERD am Blauen Nil und damit ein Ende der Massenarmut und wiederkehrenden Hungersnöte. Er schloss Frieden mit Eritrea und erhielt dafür 2019 den Friedensnobelpreis. Die Hauptstadt Addis Abeba glänzt mit Neubauvierteln, modernem öffentlichen Nahverkehr und der Förderung von E-Autos. Aber politische Freiheiten sind schmal und in den ländlichen Regionen, wo nach wie vor die meisten Menschen leben, bleiben alte autoritäre Herrschaftsmuster intakt: privater einheimischer Landbesitz bleibt verboten, allmächtige Sicherheitsapparate sorgen für eine engmaschige Kontrolle der Bevölkerung."
Religion
Pia Wieners schildert in der FAZ eine spezifische Spielart des Rechtsextremismus in Italien - Intellektuelle, die zum schiitischen Islam übergetreten sind. Insgesamt handelt es sich um eine Szene von etwa tausend Personen. Dazu gehört Pietrangelo Buttafuoco, der aktuelle Präsident der Biennale in Venedig, ein großer Khomeini-Bewunderer. "Eine besonders schillernde Figur innerhalb der Szene ist der Publizist Claudio Mutti, der sich in den Achtzigerjahren der Schia anschloss. Laut dem Politikwissenschaftler Ely Karmon ist er eine der 'fanatischsten antisemitischen' Figuren der italienischen Rechten. Mutti ist seit Jahrzehnten in verschiedensten transnationalen Netzwerken aktiv: bei der von der iranischen Regierung unterstützten Zeitschrift Jihad, in der neofaschistischen Organisation 'Jeune Europe' sowie als Herausgeber des russlandnahen Journals Eurasia. Biennale-Direktor Buttafuoco preist Mutti in einem Vorwort von dessen Buch 'Europa, erwache!' (2023) als 'profunden' Experten der Geopolitik." Wie immer in den bizarrsten Ausprägungen des Extremismus reichen Verbindungslinien nach Frankreich: "Großen Einfluss auf die Konvertitenszene haben die Theorien des zum Sufismus konvertierten Franzosen René Guénon." Wieners empfiehlt zum dem Thema die Studie "Crises and Conversions - The Unlikely Avenues of 'Italian Shiism'" der Soziologin Minoo Mirshahvalad.
Geschichte
Klaus Hillenbrand bespricht in der taz die Ausstellung "wir haben uns widersetzt, wie wir nur konnten" in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand - die Ausstellung ist dem Widerstand im Frauen-KZ Ravensbrück gewidmet. "Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern ist nach der Befreiung lange kleingeredet worden. Den in Ravensbrück inhaftierten Frauen wurde in der DDR die 'Hingabe für die nächste Generation' zugeschrieben, nicht aber der Kampf gegen ihre Unterdrücker, so Andrea Genest, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen KZ. Die Reduzierung auf die Mutterrolle wird dem Einsatz der Verfolgten nicht gerecht... Oft verbergen sich hinter dem großen Wort Widerstand vermeintlich kleine Aktionen. Doch das waren sie nicht. Unter den brutalen Haftbedingungen war jede noch so kleine Tat mit extremen Risiken verbunden. Dass sie trotzdem durchgeführt wurden, zeigt eindrücklich, dass sich diese Frauen nicht von ihren Peinigern bezwingen ließen." In Ravensbrück sind 28.000 Frauen ums Leben gekommen, so Hillenbrand.
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