30.09.2026. Francis Fukuyama ist nach Berlin gekommen und stellt sein neues Buch in entspanntester Weise dar, offenbar ungequält von der notwendigen Kürzung geistesgeschichtlicher Referenzen (Hegel, Marx, Nietzsche etc.) und um voraussetzungsfreie Verständlichkeit bemüht - wie Professoren aus den USA es gut und gerne tun. Alles scheint so weit in Ordnung zu sein, wäre da nicht diese Klasse der thymotisch Aufgewühlten.
Möglicherweise nimmt mit der Zersplitterung der Erfahrung das Bedürfnis nach fokussierten Welterklärungen zu? Während die Urbanen ihre Wachzeiten mehr oder minder bewusst zwischen den Sensationen des analogen Hier & Jetzt (U-Bahn überfüllt, guter Kaffeeduft am Nebenplatz, die schon am Morgen erschöpfte Stimme der Bedürftigen auf Tour) und den digitalen Angebotswelten auf ihrem Smartphone jonglieren, verlieren sie leicht den Überblick, wie die Gegenwart beschaffen und was von ihr zu halten ist. Tatsächlich ist es für Ende September deutlich zu warm, als die Menschen am frühen Abend zur Konrad-Adenauer-Akademie am Tiergarten streben (nicht zu verfehlen durch einen 2,50 Meter hohen Cäsarenkopf des ersten Bundeskanzlers, dunkel schimmernd, vor dem Portal), doch spielt das Klima spielt gerade kaum eine Rolle; es ist wieder zum Wetter geworden, das sich genießen lässt. Was angesichts der lapidar verhandelten Apokalypse in nächster Zukunft ("Kann KI die Menschheit auslöschen?", zwei schmale Spalten unter dieser Überschrift in jeder handelsüblichen Tageszeitung) nur allzu verständlich ist. Ein Abend mit Francis Fukuyama verspricht in dieser Situation dreierlei Trost: Die Erderwärmung und deren Folgen werden keine große Rolle spielen, das Ende der Gattung durch High-Tech wird nicht beschworen werden - und die allgemeine Lage stellt sich fassbar und folgerichtig dar.
Kein Opa for Future. Illustration: Elke Schmitter.
Mit zwei dieser drei Prognosen hatte man schon mal Treffer. Der Fukuyama des Jahres 2026 ist, 39 Jahre nach seinem legendären Supersize-Welterklärungsbestseller "Das Ende der Geschichte", weder ein Opa for Future geworden noch ein KI-Beängstigter. Auch, obwohl ihn die riskanten Spiele mächtiger Männer durchaus beschäftigen, kein Kritiker der pueril-destruktiven Herrschaftszeiten. Ja, er mache sich zum Klima wie zu digital entfesselten Agenten besorgte Gedanken, erklärte er auf Nachfrage, doch seine Stimmlage - ausgeglichen und warm, ein freundliches teak - änderte sich bei diesen Worten um kein Hertz.
Fukuyamas Thema, das jedenfalls, mit dem der Stanford-Politologe zu einer intellektuellen Berühmtheit wurde, ist dasselbe geblieben: die Verfassung der Demokratie und ihrer Gegner. Vor nahezu vier Dekaden lautete sein Befund: Zur modernen westlichen Gesellschaft - organisiert auf einem staatlichen Territorium, mit einer demokratischen Verfassung und einer kapitalistischen Marktwirtschaft - hat sich seit der französischen Revolution keine funktionierende Alternative entwickelt. Weder der Sozialismus als ökonomisches Modell noch der illiberale Staat erwiesen sich als effizient und akzeptiert. Tumulte, Revolten, Kriege und wirtschaftliche Nöte, all das werde es selbstverständlich weiterhin geben.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Doch die Suche nach einem besseren System könne der aufgeklärte Bürger ad acta legen. "Der letzte Mensch", der sowohl im Original des Klassikers ("The End of History and the Last Man") wie auch in dessen Fortsetzung ("In the Realm of the Last Man: A Memoir", deutsch: "Der letzte Mensch - Wohin steuert die Welt?") titelgebend ist, stellt auch keineswegs den letzten Überlebenden nach einer Apokalypse dar, sondern steht (Nietzsches "Zarathustra" folgend), für eine selbstzufriedene und genügsame Existenz, der es lediglich an Thymos fehlt. Der Thymos, das ist ein platonischer Begriff für jene Energie, die uns mit Mut und Ambition, mit Zorn und Tapferkeit beleben und führen kann - so wir das denn wollen und noch nicht erstickt sind von jenem Wohlleben des Spießers, wie es reiche, demokratische Gesellschaften ermöglichen.
Für Fukuyama ist der Thymos eine faustische, ambige Kraft: Sie ermöglicht ehrgeizige, ja utopische Projekte, Höchstleistungen und Überbietungen aller Art. Doch steht sie auch in einem Spannungsverhältnis zu jener sozialen Gemütlichkeit, die egalitäre Demokratien eigentlich befürworten; sie ist in ihrem unmittelbaren Auftreten anti-sozial, der Ambition eines Einzelnen folgend. Musk sei so ein Fall - Fukuyama findet sein Mars-Projekt übrigens ganz charmant -, Trump natürlich ein unwillkommener weiterer. Für die allerlängste Phase der menschlichen Geschichte seien Scharmützel und Kriege ein klassischer Austragungsort für den Thymos gewesen, moderne Gesellschaften müssten ihren Bürgern schon ob der Vernichtungskraft zeitgenössischer Waffensysteme andere, zivile Möglichkeiten eröffnen - Wettkämpfe im Sport, in der Kunst, in der Forschung und in der Reichtumsanhäufung zum Beispiel. Doch ließe sich kaum verhindern, dass die Bürger überregulierter, flacher Gesellschaften sich thymotische Auffrischung auch da suchen, wo sie selbst beim besten Willen nicht konstruktiv genannt werden kann: Die Erstürmer des Kapitol 2021 seien solch irregeleiteten Abenteurer gewesen, aber auch die Stanford-Studenten, die in Zelten campierten, um ihre Palästina-Solidarität zu bekunden, seien Menschen "auf der Suche nach einem gerechten Kampf". Er deutet an, dass für ihn die Wähler der AfD wie Rechtsextreme in Österreich oder Italien ebenfalls dieser Klasse der thymotisch Aufgewühlten angehören. Der passende Ort allerdings, um sich in edler Weise zu riskieren, sei augenblicklich wohl die Ukraine.
Fukuyama stellt sein neues Buch in entspanntester Weise dar, offenbar ungequält von der notwendigen Kürzung geistesgeschichtlicher Referenzen (Hegel, Marx, Nietzsche etc.) und um voraussetzungsfreie Verständlichkeit bemüht - wie Professoren aus den USA es gut und gerne tun. Er räumt einige klassisch konservative Irrtümer ein - so habe er an den Sinn des Irak-Krieges aufrichtig geglaubt, auch sei er inzwischen von einem weitgehend unregulierten kapitalistischen Markt nicht mehr überzeugt, mehr Europäer geworden -, doch einen weiten Weg müssen seine Stammleser nicht gehen.
Das Wesentliche hat sich nicht geändert, es ist durch autobiografische Einbettungen (die er an diesem Abend andeutet) anschaulicher und glaubwürdiger, aber natürlich nicht wahrer geworden. Für das Publikum im edelholzgetäfelten Saal der Adenauer-Stiftung hat, was er sagt, gleichwohl den Charakter einer Offenbarung. Die überwiegend ernsten, wo nicht vom Leben erbittert scheinenden Mienen der überwiegend männlichen Gäste (unwillkürlich setzte ich ein geradezu programmatisches Lächeln auf) erhellen sich im Laufe des Gesprächs. Die Fragen pendeln zwischen zwei Polen: Da ist einerseits die gegenwärtig schwache Verfassung der westlichen Demokratien, andererseits die Unabsehbarkeit der Welt; das eine besorgt im Detail, das andere en gros. Dem Angebot folgend, das Fukuyama selber machte, finden Höhenflüge des alternativen politischen Denkens nicht statt, eher raupt man sich an Pleiten, Pech und Pannen entlang: Stuttgart 21, mehr als 30 Prozent für die Rechtsextremen in Deutschland, überbordende Bürokratie. "The state, that delivers", der Staat, der liefert, ist das Ideal der Anwesenden, und in geradezu beängstigender Weise schließt das den Hauptredner - Thymos hin, Hegel her - atmosphärisch ein. Lauter letzte Menschen, die dann aber Fragen so schlicht und gläubig stellen, als säße auf dem Podium nicht ein Politologe aus Stanford, sondern Paul der Krake (der leider vor 16 Jahren verstorben ist): Wann hört der Krieg gegen die Ukraine auf? Und wann der Krieg-nicht-Krieg mit dem Iran?
Die Antworten des Weisen aus Paolo Alto sind so schlicht wie unfehlbar: Wenn jeweils eine der Parteien nicht mehr kann.
Und wer noch mehr über den Thymos erfahren will, dem sei an dieser Stelle auch Peter Sloterdijks "Zorn und Zeit" empfohlen, erschienen vor zwanzig Jahren. Als die Septemberabende noch kühler waren und die allgemeine Stimmung wärmer.
Elke Schmitter
Der letzte Mensch: Wohin steuert die Welt? Francis Fukuyama im Gespräch; 28.9., Konrad-Adenauer-Stiftung
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