Die Medien und weite Teile der zeitgenössischen Umweltliteratur zeichnen oft ein apokalyptisches Bild vom Umgang des Menschen mit der Natur. John R. McNeill legt jetzt erstmals eine explizit historische und moralfreie Bearbeitung des Themas vor. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemerkten die Menschen des Westens, dass ihre wirtschaftliche Tätigkeit einen merkwürdigen Einfluss auf die Umwelt ausübte. Der Lachs konnte durch chemisch verseuchte Gewässer nicht mehr flussaufwärts wandern, Smog kostete Jahr für Jahr tausende Menschen mit Atemproblemen das Leben, Landschaften wurden zerklüftet, um freien Zugang zu Kohleflözen zu erhalten. Auch die beiden wesentlichen Ursachen für diese Umweltverwüstungen waren bereits 1900 bekannt: das rasant beschleunigte Wachstum der Weltbevölkerung und die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen. Doch das Ausmaß und die Intensität der Wandlungsprozesse unterscheiden das 20. Jahrhundert umweltgeschichtlich erheblich von allen früheren Epochen.
Nichts weniger als "ein neues Geschichtsbild" entwerfe John McNeill, dessen Kern die Einsicht bildet, dass die Natur nicht länger "die unwandelbare Kulisse" der menschlichen Geschichte stellt, sondern nunmehr selbst einem geschichtlichen Wandel unterworfen ist, berichtet Rezensent Rolf Peter Sieferle. Mit dieser Feststellung deckt der Autor einen fundamentalen Mangel des öffentlichen Umweltbewusstseins auf: Zwar werden die ökologischen Probleme seit den siebziger Jahren durchaus vielfältig diskutiert, doch bleibt die Gesamtheit des Prozesses weitgehend unreflektiert - McNeill schildere eine "Gegenwartsblindheit", die darin bestehe, "dass eine hoch dynamische Situation für normal und stabil gehalten wird", resümiert Sieferle. So liege denn die Leistung des Autors auch nicht in der Darstellung der Einzelergebnisse, die wenig Neues bietet, sondern in dem Bemühen, die radikal veränderte Situation, vor die uns eine "dynamisierte Natur" stellt, ins öffentliche Bewusstsein zu heben, lobt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.02.2004
Diese "Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert" überzeugt David Oels durch "nüchterne Sachlichkeit" sowie informative Fakten, wobei der Rezensent angetan darauf hinweist, dass sich der amerikanische Autor John McNeill auch mit klaren Wertungen und auflockernden Anekdoten nicht zurückhält. Das Buch geht von der These aus, dass sich im 20. Jahrhundert Entscheidendes im menschlichen Umgang zu seiner Umwelt verändert hat und es legt dafür "erdrückende Belege" vor, fasst Oels zusammen. Ihm hätte der Band allerdings noch besser gefallen, wenn es nicht ganz so "amerikozentrisch" argumentieren würde. Aus diesem Blickwinkel heraus tendiert der Autor beispielsweise dazu, als umwälzende Erfindung den "1887 in Richmond erfundenen elektrischen Trolleybus" zu erwähnen, anstatt auf die bereits 1879 in Berlin entwickelte Lokomotive hinzuweisen, so der Rezensent unzufrieden. Diese Perspektive und die "Unregelmäßigkeiten im Drucksatz, die auch vor den Tabellen und Schaubildern nicht halt machen, haben dem Rezensenten das "Lesevergnügen" an diesem Buch ein bisschen getrübt.
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